Warum “Aber die Männer” keine angemessene Reaktion auf Feminismus ist.

Immer und immer wieder, wenn ich im Internet meine Meinung zu Feminismus und vor allem spezifisch Frauen betreffenden Probleme äußere, kommt aus irgendeinem Loch ein*e Antifeminist*in gekrochen und schreibt etwas wie “Aber die Männer.”

Warum das keine angemessene Reaktion ist? Wenn man auf jemanden, der auf spezifisch ein Geschlecht betreffende Probleme hinweist, damit reagiert, dass man sagt, dass es einem anderen Geschlecht noch viel schlechter geht, spielt man diese Geschlechter nur gegeneinander aus. Es ist ein Abwehrmechanismus, man möchte die Probleme der anderen Seite nicht wahrhaben, man relativiert sie.

Frauen werden Vergewaltigt? Männer müssen die Drecksarbeit machen. Frauen verdienen weniger? Männer müssen die Versorger sein. Frauen werden von (Ex)Partnern umgebracht? Männer sind viel häufiger Opfer von Gewalt.

Wenn Feminist*innen v.a. im Internet auf (strukturelle) Probleme hinweisen, dann werden sie beleidigt, ihnen Männerhass und eine ideologisch verblendete Sicht auf die Dinge vorgeworfen. Dabei streitet doch niemand ab, dass die Mehrheit der Suizidopfer männlich sind. Aber gleichzeitig sprechen wir eben darüber, warum das so ist. Warum Männer häufig mit Frauen über ihre Gefühle sprechen, warum alte Männer – v.a. Witwer und Geschiedene – häufiger Suizid begehen, als Frauen im gleichen Alter.

Wir sprechen darüber, wie patriarchale Strukturen unsere gesamte Gesellschaft durchziehen und wie eben v.a. Frauen darunter leiden. Wenn jede dritte europäische Frau über dem Alter von 15 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben Opfer sexueller Gewalt wird. Wie jeder vierte Europäer “Sex ohne Einwilligung” also Vergewaltigung – manchmal – okay findet. Wenn das Opfer beispielsweise getrunken hat, oder “zu freizügig” gekleidet war. Wie Frauen noch immer weniger verdienen als Männer, wie die Gleichberechtigung meist spätestens bei der Kinderbetreuung und der Hausarbeit aufhört.

Der Punkt ist dabei aber nur, dass wir, bloß weil unser Fokus auf Problemen von v.a. weiblich gelesenen Personen legen, die Probleme von all den anderen Menschen deswegen nicht einfach ignorieren. Bei jeder Gelegenheit, wenn Benachteiligung von Frauen angesprochen wird, auf “die armen Männer” hinzuweisen zeigt jedoch nur, dass man vom Thema ablenken möchte, indem man diese beiden Gruppen gegeneinander ausspielt. Es ist verharmlosend, die Reaktion auf das massive Problem der sexuellen Gewalt kann nicht mit “Aber Männer machen die Drecksarbeit, wo ist da eure Frauenquote??” aus dem Weg geräumt werden. Es zeigt einfach nur Respektlosigkeit und fehlendes Gespür dafür, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, solche Dinge anzusprechen.

Momentaufnahme

Menschen machten Menschengeräusche. Ein leises Gemurmel, klirrendes Geschirr, ein vereinzeltes Schlürfen. Tisch stand an Tisch gereiht, Menschen saßen vereinzelt dazwischen. Eingefügt in die Momentaufnahme des Lebens.
Krawatten wurden gerichtet, Hemdärmel zurückgeschlagen und Bücher geöffnet. Musik drang aus Kopfhörern, Studentenfinger huschten über Laptoptastaturen. Textmarker wurden über Buchseiten bewegt, Siebträger geleert und neu befüllt.
Auf der anderen Seite hoher Glasscheiben hasteten Menschen mit schwarzen Mänteln, hochgeschlagenen Krägen und tief in den Taschen vergrabenen Händen vorbei. Schwarz-grauer Asphalt, graue Gebäude, Nebelgrau. Tiefschwarze Pfützen in denen sich rote Autorücklichter spiegelten; Fahrradreifen störten die Spiegelung für einige Millisekunden, bevor erneut Ruhe einkehrte. Zumindest für einen kurzen Augenblick, bevor das schwache Licht der Ampel von Rot nach Grün wechselte und sie erneut in Wellen zerbersten sollte.
Es war kalt draußen, so kalt. Beinahe, als wäre die Sonne tagsüber nur ein Alibi gewesen, um den Schein des freundlichen Herbstes noch ein wenig zu wahren. Auch wenn es doch in Wahrheit schon lange Winter geworden war. 
Die grün glasierte Tontasse mit beiden Händen umfasst saß sie still. Um sie herum Menschen, die nicht müde wurden, zu betonen, wie beschäftigt sie waren. Gespräch verschwamm in Gespräch, Tassen leerten sich und wurden wieder befüllt.
Menschen bewegten sich durch den Raum, tanzten um- aber nicht miteinander. Leben berührten sich für einen kurzen Augenblick in diesem zu teuren Café in Mitte, in dem jeder mit sich selbst beschäftigt war. Unentschlossene standen vor der Glasvitrine, böse Blicke bohrten sich von hinten in ihren Rücken. Immer in Eile, immer auf dem Weg und nie am Ziel.

Du bist einfach weg.

Du bist einfach weg.
Weg, als hätt‘s dich nie gegeben,
statt dir ist da dieses Loch und die Welt,
die dreht sich einfach so immer weiter, 
auch wenn doch alles stehen blieb.

Ich weiß nicht wo du bist und ob du überhaupt noch irgendwo, irgendwie bist, aber ich will es glauben, muss es glauben.

Und mein Handy warnt mich „Bei längerem Hören auf dieser Lautstärke kann es zu einer Verschlechterung der Hörqualität kommen.“
Aber es ist nicht laut genug,
ich will, dass die Musik alles durchdringt, ich alles vergesse, alles verschwindet,
dass der Takt, der Bass, die Melodie, dass das alles ist was bleibt, weil alles andere zu viel wäre.

Du warst ein Wortakrobat, ein Künstler, ein Maler, du hauchtest Dingen Leben ein und nun nicht mehr.

Ich hab dich gekannt und irgendwie auch nicht, nur die letzten 18 Jahre deines, die doch alle 18 Jahre meines Lebens waren.

Warum es den Feminismus immer noch geben muss und warum wir diese Bewegung nicht einfach zum “Humanismus” machen können & dürfen.

cn: sexuelle / körperliche Gewalt, TERFs

Diskutierst du mit anderen Menschen über Themen wie die Frauen*quote wirst du sehr bald gefragt, ob du eigentlich Feminist*in bist. Bejahst du diese Frage folgt darauf meist eine hitzige Diskussion darüber, ob wir Feminismus denn heutzutage eigentlich wirklich noch brauchen würden. Ob Frauen* nicht mittlerweile mehr Privilegien und Rechte hätten als Männer*, ob wir denn nicht schon lange gleichberechtigt sind.

Die Antwort darauf ist ganz klar: Nein, sind wir nicht. Ja, wir brauchen den Feminismus noch.

Aber was genau ist denn jetzt eigentlich „Der Feminismus“?

Es ist wichtig zu wissen, dass Feminist*in zu sein nicht nur bedeutet, sich für weiße cis hetero Frauen einzusetzen. Feminismus heute, im 21sten Jahrhundert, heißt, sich für Frauen*, das heißt sich für Transfrauen genauso wie für Cisfrauen und Enbies einzusetzen. Für schwarze Frauen*, für women* of color. Für homosexuelle Frauen* und für bisexuelle Frauen*. Für Frauen* die Karriere machen und keine Kinder wollen, für Frauen* die Karriere machen wollen und Kinder haben, für Frauen* die nicht arbeiten, weil sie sich völlig auf ihre Kinder konzentrieren möchten.

Ein Feminismus, der nicht alle Frauen* beinhaltet, ist kein echter Feminismus.

Als weiße cis Feministin ist es meine Aufgabe, mir meiner Privilegien bewusst zu sein, mich darüber aufzuklären und mich für all jene Frauen* einzusetzen, die diese Privilegien nicht haben. Dazu gehört auch, innerhalb der Bewegung in den Diskurs zu treten, wenn es um White Privilege geht, um rassistische Strukturen in Deutschland, davon, wie viel stärker nichtweiße Frauen* von Sexismus und Diskriminierung betroffen sind.

Intersektionale Feminist*in zu sein heißt, anzuerkennen, dass, auch wenn Frauen* als gesamte Gruppe Diskriminierung und Sexismus ausgesetzt sind, es kleinere Gruppen an Frauen* in der Bewegung gibt, die noch mehr Schutz und Aufmerksamkeit benötigen, als du selbst es vielleicht tust.

Aber wieso heißt es denn jetzt „Feminismus“ und nicht „Humanismus“? 

Das Prinzip des intersektionalen Feminismus, dem bewusst ist, welche Gruppierungen mehr Schutz und Stärkung benötigen, lässt sich direkt auf unsere gesamte Gesellschaft übertragen. Um vollkommene Gleichberechtigung und im Endeffekt auch Gleichstellung aller Geschlechter zu erreichen, ist es wichtig, dort anzusetzen, wo Handlungsbedarf besteht. Das heißt zum Einen dafür zu sorgen, dass es für gleiche Arbeit gleichen Lohn gibt und dass es Schutzräume für Frauen*, die Opfer sexueller Belästigung geworden sind, gibt. Das heißt aber zum Anderen auch, dass wir mithelfen, Frauen* in Führungspositionen zu bringen, dass Care-Arbeit nicht mehr größtenteils von Frauen* erledigt wird und dass typische „Frauenberufe“ wie Pfleger*in oder Kindergärtner*in besser bezahlt werden müssen – und auch Männer* aktiv dazu ermutigt werden, diese Berufe zu ergreifen.

Wir achten darauf, besonders gefährdete oder besonders benachteiligte Gruppen besonders unterstützen und stärken. Das heißt unter anderem, dass wir Transfrauen anerkennen und die Bewegung nicht durch Dispute darüber, ob sie echte Frauen (btw: Ja, sind sie) sind, spalten. 

Frauen*, egal ob sie cis sind oder nicht leiden unter patriarchalen Strukturen, wenn sie nicht cis sind sind sie zusätzlich dazu noch zahlreichen weiteren Repressalien ausgesetzt. 

Intersektionaler Feminismus heißt aber auch, dass wir Männern* die unter dem Patriarchat teils genauso leiden, den Rücken stärken. Dass wir versuchen, Geschlechterstereotypen aufzuweichen, dass wir versuchen, feminin-codierte Eigenschaften positiv zu bewerten und von ihrer Geschlechterrolle zu lösen um somit zu verhindern, dass Männer* beispielsweise dafür verurteilt werden, dass sie Gefühle zeigen.

Dennoch liegt unser Hauptaugenmerk noch immer auf der Stärkung von Frauen*. Warum? 

Es ist im Grunde ein recht einfaches Prinzip: Wir fangen dort an, wo es am schlimmsten ist. Frauen* leiden am stärksten unter dem Patriarchat. Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, Diskriminierung bei der Jobsuche und der Bezahlung, ganz zu schweigen von den ohnehin schon ungleichen Startbedingungen, mit denen Kinder ins Leben starten.

Wir teilen unseren Nachwuchs schon von klein auf in die beiden Kategorien „mit Penis“ und „ohne Penis“ auf.

Basierend darauf ziehen wir ihnen unterschiedliche Farben an, kaufen unterschiedliches Spielzeug. Sagen „Du heulst wie ein Mädchen“ oder „Du bist doch kein Junge!“. Bringen den Kindern „ohne Penis“ bei, keinen Platz im öffentlichen Raum einzunehmen, immer mit überschlagenen Beinen zu sitzen, sich zu melden, höflich zu sein. Sagen „Es sind halt Jungs“ wenn sich wieder zwei Kinder „mit Penis“ prügeln oder schon im Kindergarten das „Nein“ nicht akzeptiert wird und Küsse „gestohlen“ – also aufgezwungen – werden.

Und dann, Jahre später wundern wir uns, wieso in Europa jedes dritte Mädchen* über 15 Jahren schon einmal Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt geworden ist. Warum Täter meistens Wiederholungstäter werden, warum Frauen* sich alleine im Dunkeln oft nicht sicher fühlen.

Rape Culture ist einer der wichtigsten Gründe, warum es Feminismus heißen muss und nicht Humanismus. „Aber ihr behauptet doch, ihr setzt euch für die Bedürfnisse aller Menschen ein?!“ Ja. Tun wir auch. Aber diese Bewegung in „Humanismus“ umzubenennen würde heißen, die speziellen Bedürfnisse von Frauen* zu ignorieren. 

Heterosexuelle Cismänner sind in unserer gesamten Gesellschaft das Zentrum der Wahrnehmung, der Prototyp des Menschen.

Eine Bewegung, die sich erstmals speziell auf die Bedürfnisse von Frauen* fokussiert, wirkt oftmals wie eine Bedrohung für diesen Typ Mann. Weil er es nicht gewöhnt ist, einmal nicht inkludiert zu werden. Er ist zwar Ursache und gleichzeitig Produkt des Patriarchats, tatsächlich geht es aber einfach nicht um ihn. Dieser Typ Mann muss sich seiner Privilegien bewusst werden und einsehen, dass immer dort angesetzt werden muss, wo die größte Notwendigkeit besteht. 

Den Feminismus zum Humanismus zu machen würde bedeuten, diesen Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, und das nicht auf die positive Art und Weise. Er würde die Existenz von Sexismus und geschlechtsbasierter Diskriminierung einfach leugnen und wäre ein Schlag ins Gesicht aller Frauen*, die unter patriarchalen Strukturen leiden – also in das aller Frauen*.

Lass die anderen sich verändern und bleib so wie du bist.

Aber du bist nicht du geblieben.
Vielleicht warst du immer du.

Vielleicht habe ich es nur einfach nicht gesehen.

“Heutzutage reicht es für das Abitur, den Taschenrechner bedienen zu können” oder “Wie Menschen, die seit Jahrzehnten in keiner Schule mehr waren, sich ein Urteil bilden.”

Das Matheabitur ist in Bayern jetzt knapp 11 Tage her und noch immer ist die Empörung über den angeblich zu hohen Schwierigkeitsgrad groß. Schüler*innen – und das nicht nur in Bayern – haben Petitionen an ihre jeweiligen Kultusministerien gestartet, die in Bayern wurde bis heute von mehr als 72.000 Menschen unterzeichnet.

Doch während Abiturient*innen sich echauffieren und versuchen zu erklären, was genau denn an den Aufgaben so schwierig war, nehmen viele Journalist*innen dies als Gelegenheit, sich über die “Generation Schneeflocke” lustig zu machen. 
Hans Kratzer titelte in der SZ gar “Matheschwäche gilt heute beinahe als Verdienst” und erfährt damit auch gar nicht mal so wenig Zustimmung. Weiter heißt es bei ihm “Das Abiturzeugnis erhalten nun auch jene, die lediglich den Taschenrechner bedienen können.” und “Das Fach Mathematik wurde im Gymnasium nach und nach auf ein unteres Grundkursniveau heruntergedimmt. Es ist schon längst kein Angstfach mehr, […].”
Angesichts dieser Aussagen muss ich nun doch fragen, wann der werte Hans Kratzer zum letzten Mal den Mathematikunterricht, vor allem den bayerischen, besucht hat. Mathe ist kein Angstfach mehr? Das soll er doch bitte einmal den Schüler*innen erzählen, die regelmäßig beim Gedanken an das Matheabitur in Tränen ausgebrochen sind.

Bei großen Teilen der Debatte frage ich mich, ob die Journalist*innen und Politiker*innen sowie die selbsternannten Spezialist*innen nicht doch den Kernpunkt verfehlen. Viele große Medienhäuser, die über das Abitur berichteten, ließen einige Aufgaben vorrechnen, bekleckterten sich dabei allerdings nicht mit Ruhm, was die journalistische Sorgfaltspflicht betrifft.
Die SZ beispielsweise ließ einen ihrer Redakteure eine Aufgabe vorrechnen und untertitelte das mit “Wer die Aufgaben allerdings nachrechnet, merkt sehr schnell: Das war alles machbar.” Welche Aufgabe sie vorgerechnet haben? Die einfachste. So einfach kann mensch es sich natürlich auch machen.

Es ist aber auch viel einfacher, die Abiturient*innen als sensible Schneeflocken darzustellen, anstatt über das eigentliche Problem zu sprechen: Das Abitur ist ungerecht und das nicht nur in Bayern sondern in ganz Deutschland. Ungerecht, da das Elternhaus immer mehr über den schulischen Erfolg bestimmt, ungerecht, da jedes Bundesland unterschiedliche Anforderungen an seine Abiturient*innen stellt, ungerecht, da die verschiedenen Abiture nicht miteinander verglichen werden können.

Aber ja, ich kann verstehen, dass mensch die Beschwerden der Abiturient*innen lieber ins Lächerliche zieht (wie z.B. mit der Ankündigung von “Mondays für Abitur”) anstatt sich mit den eigentlichen Problemen des deutschen Bildungssystemes auseinanderzusetzen. Oder sind es doch die der 16 deutschen Bildungssysteme?