Depressionen und Angststörungen – Impressionen aus Amerika

Erster Schultag: Meine Austauschpartnerin sitzt bei ihrem Guidance Counselor im Büro und bekommt die erste Anxiety Attack des Schuljahres.
Zweiter Schultag: Zweite Stunde, Guidance Counselor’s Office. Eine andere Austauschpartnerin hat eine Anxiety Attack.
Zweiter Schultag: Dritte Stunde. Meine Austauschpartnerin sitzt in der ersten Reihe und weint. Warum? Anxiety Attack.
Zweiter Schultag: Vierte Stunde. Ich treffe zwei neue Leute, das erste was ich von ihnen erfahre, ist wie sie heute schon einen Zusammenbruch hatten und wie sie jetzt schon merken, wie ihr geistiger Zustand sich verschlechtert hat / ihre Depressionen schlimmer werden.
Dritter Schultag: Eine Schülerin bekommt in der zweiten Stunde eine Panikattacke.

Warum? Schule.

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Ein amerikanische Schulflur.

Nein, natürlich ist nicht nur die Schule alleine für solche Krankheiten verantwortlich, aber die Schule macht es hier schlimmer, wenn sie nicht sogar der Auslöser ist.

Eindrücke des Schulsystems, wie ich es hier erlebt habe: (Es kann natürlich sein, dass es an anderen Schulen anders gehandhabt wird, bzw eine andere Pädagogik verwendet wird, ich kann hier nur aus meinen eigenen Erfahrungen sprechen.) In der Highschool, in der ich ein paar Tage den Unterricht besucht habe, wird ein enormer Druck auf die Schüler ausgeübt.
Das gesamte System basiert auf Bestrafung und Verschlechterungen für deine gesamte Note, sobald du etwas falsch oder nicht machst.

Beispiele:
Englischunterricht, es geht um Aufsätze: Jedes Mal, wenn das Wort oder irgendeine Form von say oder things verwendet wird, werden fünf Punkte abgezogen.
Falls du zu spät kommst werden fünfzig Punkte von deiner mündlichen Note abgezogen.
Hausaufgaben werden grundsätzlich benotet und nicht Einreichen gibt null Punkte, zu spät Einreichen zehn Punkte Abzug.

Während des gesamten Unterrichts wird Druck auf die Schüler ausgeübt, sie müssten immer alles perfekt machen, sonst könnten sie nicht aufs College und hätten auch keine Chance auf irgendeinen Job und damit auf ein gutes Leben. Abgesehen davon werden die Schüler wie unmündige Kinder behandelt.
“Nein, du darfst die Cafeteria nicht eine Minuten vor der Klingel verlassen” “Warum?” “Das sind die Regeln.” “Ja, aber warum?” “Es sind halt die Regeln.”
Die Schüler haben jeweils vier Minuten, um von einem Klassenzimmer zum nächsten zu gehen, sobald du auch nur irgendwie zu spät kommst werden dir Punkte von deiner mündlichen Note abgezogen, das Klassenzimmer darf man nicht ohne einen sogenannten “Pass” verlassen, selbst wenn du nur kurz auf die Toilette gehen möchtest.
Gleichzeitig ist diese Schule mit 3000 Schülern riesig, durch die Gänge zu gehen ist eine einzige Qual und es kann durchaus vorkommen, dass man irgendwo nicht weiterkommt, weil einfach zu viele Schüler gleichzeitig durch einen bestimmten Gang möchten, was nicht unbedingt zu einer Senkung des Stresslevels beiträgt, da man ja Angst hat, zu spät zu kommen.

Selbst wenn man die pädagogische Seite dieser Schule einfach komplett außer Acht lässt, reicht allein schon die Ausstrahlung des Gebäudes, um schlechte Laune zu bekommen. Die Decken sind niedrig, die Wände in einem schmutzigen Beige gestrichen, es ist sehr dunkel in den Gängen und die Jalousien in den Klassenzimmern sind immer geschlossen. Im Klassenzimmer gibt es nur Einzeltische, was einem ständig das Gefühl gibt, man wäre allein. Gut, so kann man natürlich mit keinem Banknachbarn reden und wird nicht abgelenkt, allerdings weiß ich trotzdem nicht, ob das eine gute Idee ist.

Der Unterricht selbst dauert jeden Tag von 7:35 Uhr bis 14:35 Uhr, ohne jegliche Freistunde, und es gibt nur eine einzige Pause in der du 43 Minuten Zeit fürs Mittagessen hast. (Manche Schüler haben statt dieser Pause auch noch eine zusätzliche Stunde Unterricht.) Nach einem normalen Schultag hat man also nicht mehr allzu viel Zeit, sich mit Freunden zu treffen oder irgendwelchen Hobbys nachzugehen, vor allem weil die Schüler hier einfach unfassbar viele Hausaufgaben aufbekommen, sodass sie pro Tag noch einmal im Durchschnitt zwei Stunden daran arbeiten müssen.

Das gesamte System in Amerika ist darauf ausgelegt, die Schüler so unter Druck zu setzen, dass diese einen möglichst guten Abschnitt machen. An sich ist dieses Ziel ja nicht verkehrt, aber die Art und Weise, wie es hier vermittelt wird richtet bei vielen Kindern und Jugendlichen großen Schaden an.

Als ich nach Amerika gekommen bin wusste ich schon darüber Bescheid, dass jedes Jahr circa 18% der amerikanischen Bevölkerung mit Anxiety diagnostiziert werden, habe aber bevor ich hier mit meiner Austauschpartnerin geredet habe, in die Schule gegangen bin und das alles mit eigenen Augen gesehen habe, das alles für ein großes Märchen, für einen Trend und nichts, was man allzu ernst nehmen müsste gehalten. Was vielleicht auch daran liegt, dass das Wort Anxiety in Amerika nicht mehr nur noch für diese Krankheit verwendet wird, sondern auch beispielsweise auch für Angst vor dem Zusammenbruch der Wirtschaft (“economic anxiety“),…  und ich bis jetzt keine treffende Übersetzung dafür gefunden habe. “Anxiety” an sich bedeutet eigentlich nur “Angst”, aber das beschreibt diese Krankheit nicht ganz. Treffender wäre es, mit “Angststörung” zu übersetzen. Viele amerikanische Jugendliche haben aufgrund der Schule und des enormen Leitungsdruckes hier Angststörungen. Suizid ist in Amerika übrigens die zweithäufigste Todesursache für Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren (Nummer 1 sind Unfälle – *hust* Schusswaffen *hust*). Jeder fünfte Jugendliche zwischen 13 und 19 in Amerika leidet an Anxiety, wobei es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt. 30% der Mädchen aber nur 20% der Jungen leiden demnach an dieser Krankheit.

Dies war ein rein subjektiver Eindruck meines Aufenthalts in Amerika und die Verbindungen die ich zwischen der Schule und diesen psychischen Krankheiten gezogen habe, auch wenn in Amerika viele denken, dass die Ursache bei der Schule liegt. – Also muss ja irgendetwas dran sein, oder?

 

 


Quelle: Todesursachen der Jugendlichen in Amerika

Quelle: Häufigkeit von Anxiety in Amerika

Quelle: Häufigkeit von Angststörungen in Deutschland

 

2 Replies to “Depressionen und Angststörungen – Impressionen aus Amerika”

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