Die „Ach scheiß drauf“ – Einstellung

Die „Ach scheiß drauf“ – Einstellung

Heute habe ich mich seit langem wieder mit einem Mädchen unterhalten, mit dem ich eigentlich fast nichts gemeinsam habe. Aber sie sagte mir, dass sie meine „Ach Scheiß Drauf“-Einstellung bewunderte, nicht zuletzt weil ich vor einer Woche meine Haare abrasiert habe. Aber mehr dazu später.

Meine Einstellung. Sie bewundert sie. Was sie nicht weiß, ist dass man diese Einstellung irgendwann annehmen muss wenn man so ist, wie ich. Sich weigert, in die Rollen zu passen, die einem andere zuweisen. Die als Mädchen kurze Haare haben, nicht hetero sind, nicht „typisch Mädchen“ sind, obwohl dieser Begriff schon längst überholt ist. Die ihre Kleidung nicht an Mode ausrichten sondern an Bequemlichkeit. Die nicht in eine Schublade passen wollen, egal wie sehr man versucht, diese zuzumachen aber nicht Rebell genug um dafür bewundert zu werden.

Als ich von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt bin, war das ein halber Kulturschock für mich. Plötzlich waren Socken in Sandalen inakzeptabel, meine Haare mussten zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden sein, nicht wie sonst im Nacken. Allerdings sollte ich meine Haare lieber allgemein offen tragen, das sähe viel „süßer“ aus. Muskeln haben, wie man sie eben hat, wenn man als Kind den ganzen Tag herumklettert und mit seinem besten Freund rauft? „Abartig, Mädchen haben so etwas nicht.“ Mit Jungs spielen, rennen, auf Bäume klettern? – Nee du, lieber die neuesten Mädchenzeitschriften lesen. Die Diät-Tipps gaben, zeigten, wie man seinen Schwarm von sich überzeugt und wie man auf der nächsten Party der Hingucker wird. Auf der nächsten Party – ich war elf Jahr alt.

In den nächsten Jahren gab ich mir Mühe, dazuzugehören. Ich wollte nicht sein, wie die Menschen, die von den Coolen ausgeschlossen und verachtet wurden, ich wollte immer so sein wie sie. Sie, die mit allen zurechtgekommen ist, wunderhübsch, supercool, bei Jungs und Mädchen beliebt. Sie spielte Fußball, war gut in der Schule und total cool drauf – zumindest, wenn sie dich mochte. Ungefähr ein einhalb Jahre war ich Teil dieser Gruppe, verbrachte Zeit mit ihnen, wurde zu Geburtstagen eingeladen und alle, die uns nur oberflächlich kannten, dachten ich würde 100%ig dazugehören. Ich für meinen Teil hatte nie das Gefühl, ein Teil von ihnen zu sein, akzeptiert zu sein. Gegen Ende der achten Klasse entwickelte sich mein Kleidungsstil vom It-Girl wieder zur eher hippiemäßigen Öko-Tante. Zumindest wurde ich so von ihnen genannt und das war dann auch das Ende meiner Zeit in dieser Freundesgruppe.

In der neunten Klasse fand ich dann endlich meine jetzigen Freunde, wurde akzeptiert und schnitt meine Haare ab.
Reaktionen der Menschen um mich herum: „Du bist jetzt ein Junge!“ „Bist du jetzt lesbisch, oder wie?“ „Woah ne, also, keine Beleidigung, aber zu Mädchen gehören halt lange Haare.“ „Krass, siehst aus wie ein Junge.“ „Bitte bitte lass sie wieder wachsen, Mädchen müssen lange Haare haben!“ und noch so viel mehr.

Nein, keine Einzelfälle, sondern ganz normale Menschen. Meine Klasse, meine Familie, vereinzelt meine „Freunde.“ Natürlich habe ich auch viel positives Feedback erhalten, aber das negative hat mich zu dieser Zeit stark beschäftigt. Seit dieser Zeit, seit ich beschlossen habe, nicht mehr in Schubladen zu passen, den Mund aufzumachen, meine Meinung zu vertreten und nicht mehr einfach nur runterzuschlucken was auch immer man mir an den Kopf warf, habe ich meine Einstellung, meinen inneren Panzer, der mich vor schierer Verzweiflung schützt, entwickelt.

Es interessiert mich sehr wohl, was andere Menschen denken. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich denke, es ist ein natürlicher Reflex, dass man von anderen gemocht werden will. Ich bin da keine Ausnahme. Als ich meine Haare letzte Woche abrasiert habe sind mir all diese Dinge durch den Kopf gegangen. Es hat mich nicht wirklich interessiert, wie ich damit aussehen würde. Es war und ist mir scheißegal, wie meine Haare aussehen, das einzige, was für mich wichtig war sind die Reaktionen der Menschen. Denn es war ein Signal.

Die Reaktionen waren gemischt. Immer mit einem Ausdruck des Entsetzens verbunden, auch positiv. Eine ehemalige Lehrerin von mir, lief an mir vorbei als ich im Gang saß und konnte ihr erstes Entsetzen sehr schnell mit einem „Himmel, du siehst schrecklich aus, warum hast du das getan“ künstlichem Lächeln und weiteren verstohlenen Blicken verbergen. Andere meinten „Es sähe gar nicht so schrecklich aus“, wieder andere fanden es mutig und meinten, „sie hätten sich das niemals getraut.“

Stimmt. Hättet ihr nicht.

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