Sie

Sie war eine faszinierende Persönlichkeit.
Nicht wie alle anderen, trotzdem keine Außenseiterin oder unbeliebt.

Sie interessierte sich nicht dafür, was andere über sie dachten, sie wollte nur ihren Traum leben. In eine große Stadt ziehen, alles hinter sich lassen, neu anfangen und mit Gleichgesinnten zusammenarbeiten.

Sie hatte immer die ausgefallensten Klamotten an, nicht schrill oder hässlich, einfach nur stilvolle Dinge, die niemand anderes wagte zu tragen. Sie war, wie alle anderen sein wollten. Mutig, grenzenlos.

Sie drückte ihre Gedanken und Gefühle auf vielfältige Arten aus. Über ihre Kleidung aber vor allem übers Schreiben. Wenn sie schrieb, dann fühlte sie sich wohl, Raum und Zeit verblassten, nichts außer den Wörtern war mehr wichtig. Sie schrieb und schrieb und merkte nicht, wie Tag zu Nacht und wieder zu Tag wurde. Erst als der Wecker, der sie eigentlich für die Schule hätte wecken sollen, klingelte schrak sie auf und sah auf die Uhr: 6:30 Uhr. In einer Stunde musste sie sich schon wieder auf den Weg machen… aber bis dahin war ja noch ein bisschen Zeit. Langsam erhob sie sich und fiel beinahe auf die Knie, weil sie ein plötzlicher Anfall von Schwindel überkam. Als sie sich wieder zusammengerafft hatte wandte sie sich ihrem Schreibtisch zu und legte all die unzähligen Blätter, die sie über Nacht befüllt hatte auf einen säuberlichen Stapel. Heute Nachmittag begann die richtige Arbeit erst noch, das nochmalige Durchlesen und die Suche nach dem perfekten Wort, der richtigen Formulierung und der vollkommenen Satzstellung Suchen. Aber sie liebte es. Denn in diesen Momenten war sie nicht sie selbst, sondern jemand anderes, jemand besseres.

Sie wollte so sehr dieser Jemand sein. Doch ihr Leben verbat es ihr und sie war machtlos dagegen.

Klein, unbedeutend, nur ein weiteres Sandkorn in den unüberschaubaren Gefügen des Schicksals.

– Auszug aus einem Buch, das ich niemals schreiben werde

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