Warum wir Feminismus brauchen und was das mit Im-Dunkeln-Joggen zu tun hat

Immer mehr Leute fragen mich, warum ich denn überhaupt noch Feministin bin, wenn in Deutschland doch eigentlich alle gleichberechtigt sind – so steht es zumindest in der Verfassung.

Gestern Abend war ich Joggen und habe mich ein bisschen in der Zeit vertan, jedenfalls wurde es sehr viel schneller dunkler, als ich zunächst angenommen hatte. Normalerweise laufe ich immer an einem Fluss entlang, weil ich keine Lust habe durch die Stadt zu rennen. Der Nachteil daran ist, dass dort nie viele Menschen unterwegs sind und es natürlich keine Beleuchtung gibt.
Gestern kamen mir einige Menschen entgegen, die alle im Dunkeln nur noch als Schemen erkennbar waren und während ich dort in der Dunkelheit vor mich hin lief schwenkten meine Gedanken unweigerlich zu all den Geschichten, die man immer wieder hört und speziell zu den Dingen, die schon bei uns in der Stadt passiert sind.
Deswegen habe ich mich unweigerlich jedes einzelne Mal, wenn ich eine neue Person auf mich zukommen sah verkrampft und mich erst wieder entspannt, als ich diese entweder als Frau (was nur eine von sieben Personen war) identifiziert hatte oder ich an ihr vorbeigelaufen war. Die Warnungen meiner Mutter “Lauf nicht alleine da hinten, du weißt, was da schon alles passiert ist” und “Im Dunkeln kannst du auf keinen Fall alleine joggen, wer weiß was da für Menschen unterwegs sind” hallten mir nur allzu deutlich im Kopf wieder und ich glaube ich habe für diese Strecke einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt, auch wenn ich davor circa zwei Monate Pause hatte, einfach weil ich so viel Angst hatte, dass ich nur noch so schnell wie möglich nach Hause wollte.

Ich will nicht die Mutter sein, die ihren Töchtern eventuell mal beibringen wird “Geh nicht nachts alleine nach Hause” und “Geh nicht im Dunkeln Joggen” weil ich Angst habe, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Dieses Beispiel ist noch weit entfernt in der Zukunft, aber auch jetzt möchte ich nicht diejenige sein, die andere Freundinnen fragt, ob sie abgeholt werden, oder ob man sie begleiten soll und die unbedingt daran erinnert, dass man sich melden sollte, wenn man zuhause angekommen war. Ich bin aber leider genau diese Freundin, die genau diese Sätze immer und immer wieder wiederholt.

Weil ich mich nicht unbedingt sicher fühle, wenn ich alleine im Dunkeln unterwegs bin. Weil ich mich nicht wohl fühle, wenn ich mit Rock abends mit dem Board nach Hause fahre und weil ich mich nicht sicher fühle, alleine in abgelegenen Gegenden Joggen zu gehen.

Zum einen liegt das daran, dass die Vergewaltigungsrate unter Frauen höher ist als unter Männern, auch wenn die Dunkelziffer bei ihnen vermutlich höher ist, da das leider immer noch ein Tabuthema ist. Auch hier ist immer noch ein Problem, das Opfer oft für ihre Vergewaltigung verantwortlich gemacht werden, z.B mit den Fragen danach, was sie anhatten oder wie viel sie getrunken hatten. Zum anderen werden aber Männer öfters auf der Straße Opfer von Gewalt (aber Achtung, auch hier Gewalt durch andere Männer) aber trotzdem bringen wir nicht unseren Söhnen und Brüdern und Mitschülern bei, sie sollen nachts auf sich aufpassen, sondern den Mädchen, sie sollen ja nicht alleine unterwegs sein.

Irgendwas läuft also definitiv falsch und es sollte sich dringend ändern. Wir sollten Mädchen beibringen, keine Angst zu haben. Damit sie endlich aus diesem Angstdenken herauskommen. Aber wir können natürlich nicht die nächste Generation nicht ins kalte Wasser werfen und sagen “macht mal” auch wenn wir selbst es nicht einmal hinbekommen haben.

Was ich für mich aus dieser einen abendlichen Joggingrunde gelernt habe? Dass ich es wieder machen muss. So lange, bis ich keine Angst mehr habe. Die Welt besteht nicht nur aus bösen Menschen und ich will nicht, dass ich aus dieser Angst meine Freiheit nicht auslebe.

Und trotzdem gehe ich nächste Woche ins Kickboxen zum Probetraining. Denn hilflos will ich mich auch nicht fühlen.

12 Replies to “Warum wir Feminismus brauchen und was das mit Im-Dunkeln-Joggen zu tun hat”

  1. Die Angst im dunkeln betrifft doch jeden mehr oder weniger. Das Meiste davon geht einfach auf Urinstinkte zurück, wir sind keine Nachttiere. Viele haben doch auch vor dem Monster unter dem Bett angst. Ja es gibt auch eine reale Gefahr, die lässt sich, wie du auch selbst schreibst, nur statistisch bewerten und ist damit dummer weise im Einzelfall einfach eine Wahrscheinlichkeit, die nicht wirklich beruhigt. Die meisten Gefahren im sexuellem Kontext drohen von Bekannten und Verwandten und nicht von Fremden. Ich halte es nicht für sinnvoll da mit einer Konfrontationstherapie zu antworten. Es geht ja nicht darum eine unrealistische Angst vor Spinnen, Mäusen, Wackelpudding oder dem Monster im Schrank zu überwinden.
    Männer, Frauen, Dunkelziffer….Ich glaube nicht, dass mehr Frauen von Gewalt betroffen sind als Männer. Die Gewalt ist zum Teil einfach “nur” anders und wird eventuell kulturell anders wahrgenommen und verarbeitet.
    Ich bin für im hellen Joggen, nicht weil du eine Frau bist, sondern weil es das Risiko verringert ohne wesentlich einzuschränken. Du kannst ja auch einen Unfall erleiden, stolpern usw. .

  2. Die Angst im dunkeln betrifft doch jeden mehr oder weniger. Das Meiste davon geht einfach auf Urinstinkte zurück, wir sind keine Nachttiere. Viele haben doch auch vor dem Monster unter dem Bett angst. Ja es gibt auch eine reale Gefahr, die lässt sich, wie du auch selbst schreibst, nur statistisch bewerten und ist damit dummer weise im Einzelfall einfach eine Wahrscheinlichkeit, die nicht wirklich beruhigt. Die meisten Gefahren im sexuellem Kontext drohen von Bekannten und Verwandten und nicht von Fremden. Ich halte es nicht für sinnvoll da mit einer Konfrontationstherapie zu antworten. Es geht ja nicht darum eine unrealistische Angst vor Spinnen, Mäusen, Wackelpudding oder dem Monster im Schrank zu überwinden.
    Männer, Frauen, Dunkelziffer….Ich glaube nicht, dass mehr Frauen von Gewalt betroffen sind als Männer. Die Gewalt ist zum Teil einfach “nur” anders und wird eventuell kulturell anders wahrgenommen und verarbeitet.
    Ich bin für im hellen Joggen, nicht weil du eine Frau bist, sondern weil es das Risiko verringert ohne wesentlich einzuschränken. Du kannst ja auch einen Unfall erleiden, stolpern usw. .

    1. Ja, Angst vor und im Dunkeln haben viele Menschen. Aber ich habe noch nicht viele Typen kennengelernt, denen beigebracht wurde, dass es nach Einbruch der Dunkelheit unsicher wäre, während das jedem der Mädchen, die ich kenne mindestens einmal gesagt wird, wenn sie Abends noch einmal weg wollen.
      Es geht um die Art und Weise, wie wir denken, in welche Rolle wir Mädchen drängen und welche Auswirkungen das auf unser tägliches Leben hat. Für mich persönlich ist es eine ziemliche Einschränkung, im Dunkeln nicht Joggen gehen zu können weil ich im Winter oft erst nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause ankomme – Da habe ich dann eigentlich keine andere Wahl und bis jetzt hat mich immer die Angst vor Übergriffen davon abgehalten, trotzdem Joggen zu gehen. Was dann wiederum dazu geführt hat, dass ich manchmal den Winter über einfach 3 Monate nicht gelaufen bin, weil ich es zeitlich einfach nicht auf die Reihe bekommen habe.
      Ich bin einfach nicht bereit, diese Einschränkung zu akzeptieren, bloß weil mir diese Angstvorstellung ein Leben lang vermittelt worden ist.

  3. Einer Frau wird oft von klein auf beigebracht: sei lieb, sei brav, Bau keinen Ärger und: du bist nicht so stark wie ein Mann. Dass Frauen sich gegenüber Männern oftmals nicht wehren können (aus Ungewissheit) ist ein Problem. Wir sollten jedem jungen Mädchen, jeder Frau beibringen, sich verteidigen zu können und für sich einzustehen.
    Liebe Grüße

  4. Ich jogge auch im Dunkeln, zumindest unter der Woche habe ich keine andere Möglichkeit, da ich erst am Abend daheim bin. Manchmal in Begleitung, manchmal alleine. Was mir hilft, ist meine Stirnlampe. So sehe ich schon von weitem jemanden kommen und der Überraschungseffekt ist nicht so groß (wenn auf einmal plötzlich ein großer Hund auf einen zugerannt kommt, ist das nicht so cool).
    Wenn man eine zeitlang alleine am Abend gelaufen ist, wird das von selbst besser und man macht sich keinen Kopf mehr ?

    LG
    Isa

  5. Wenn ich den Artikel mit meinen Worten zusammenfassen darf: Wir brauchen Feminismus, weil sich heute Frauen beim Joggen im Dunklen unwohl fühlen. Dass sie sich unwohl fühlen hat zwei Gründe: a) sie werden beim Joggen im Dunkeln nicht geschützt b) sie werden von ihrem Umfeld permanent zur Vorsicht gemahnt und sind deshalb ängstlich

    Kurz: Wir brauchen also Feminismus, weil Frauen keine Angst haben sollen.

    Provokant gefragt: Brauchen wir dann auch einen Maskulismus, weil Männer auch keine Angst mehr haben sollen?

    Wir haben einen kleinen Teil an Männern, die (physisch) gewalttätig sind und einen steigenden aber immer noch kleineren Teil an Frauen, die (physisch) gewalttätig sind. Wie will der Feminismus dafür sorgen, dass diese Gewalttäter und Gewalttäterinnen keine Gewalt mehr ausüben ohne totalitär zu werden? Die Welt wird immer Ungemach bereithalten, so wie sie auch immer positive Überraschungen bereithält. Ist der bessere Ansatz nicht, Eigenverantwortung zu übernehmen und zu entscheiden, welchem Risiko ich mich aussetze? Und die Verantwortung für diese Entscheidung dann auch zu tragen. Glaubst Du wirklich, Männer müssten diese Risikoabwägung nicht vornehmen, wenn sie sich Situationen aussetzen, in denen Gewalt möglich oder sogar wahrscheinlich ist. Ich kann Dir versichern, sie müssen es und es wird von ihnen verlangt, ohne dass jemand ein Wort der Unterstützung oder des Mitgefühls für diese Belastung verliert. Willst Du unabhängig und gleichberechtigt sein, dann brauchst Du Selbstverantwortung und die Fähigkeit, Gefahren einschätzen und sich ihnen stellen zu können. Den heute populären Opferfeminismus brauchst Du dazu m.E.n. sicher nicht. Ich empfehle, Camille Paglia die eine oder andere Stunde zuzuhören.

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