Eine Stimme, die gehört werden will

Bis vor nicht allzu langer Zeit habe ich den Menschen aus meinem Leben nicht oft erzählt, dass ich einen Blog habe. Wenn Freunde Bescheid wussten, wussten sie auch, dass sie es nicht anderen Leuten weitererzählen sollten. Nicht unbedingt, weil ich mich dafür geschämt habe, eigentlich eher, weil ich keine Lust auf deren Reaktionen hatte. Und weil ich mich nicht mit ihnen auseinandersetzen wollte.

Als ich vor circa zwei Wochen mit einer Freundin über meinen Blog geredet habe, saß jemand anderes neben uns und fragte dann voller Verachtung: “Du hast einen Blog? Warum das denn?!” Die Frage hat mich, um ehrlich zu sein, ein wenig aus dem Konzept gebracht.

Meine spontane Antwort war: “Warum nicht?” aber auch das, war nicht unbedingt die richtige. Ich habe meinen Blog, weil ich möchte, dass meine Stimme gehört wird. Als ich begonnen habe zu bloggen, habe ich über Umweltschutz, Vegetarismus und Politik gebloggt, weil ich (zugegeben ziemlich naiv) der Meinung war, ich könnte die Welt verändern. Mittlerweile sehe ich das Ganze ein wenig realistischer, bin nun doch schon ein paar Jahre älter und möchte eigentlich nur noch Aufmerksamkeit auf (für mich) wichtige Themen lenken und meine Meinung dazu teilen. Warum das? Weil ich hoffe, damit einen Einfluss auf Menschen zu haben, und sei er auch noch so klein.

Gleichzeitig habe ich begonnen selbst zu schreiben, meist eher kürzere Texte aber fast alle dienen für mich dem Zweck, Dinge zu verarbeiten, die in meinem Leben und in den Leben der Menschen um mich herum geschehen. Ich bin sehr viel besser darin, über negative Dinge zu schreiben, deswegen kann man hier auch keine fröhlichen Texte lesen (zumindest bis jetzt), weil ich andere Menschen damit berühren möchte und es für mich eine Möglichkeit ist, mich auszudrücken.

Gleichzeitig versuche ich hier so ehrlich wie möglich zu sein, mein Leben nicht zu beschönigen aber auch nicht unnötig schlecht zu reden. Ich möchte wie eine normale Person rüberkommen, jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Durch meine Bisexualität habe ich auch eine eher selten vertretene Perspektive, und ich möchte, dass andere Kinder wie ich, so einen Blog finden können, und sich mit dem Menschen darauf identifizieren können. Ich möchte, dass sie wissen, dass nicht immer alles gut ist, dass es Hochs und Tiefs gibt, aber dass man auf jeden Fall durchkommt. Und dass es okay ist, sich Hilfe zu holen, dass man nicht perfekt sein muss und dass Stärke nicht dadurch definiert wird, dass man immer stark ist, sondern dadurch, dass man auch nach Rückschlägen wieder aufsteht und weitermacht.

Ich möchte, dass meine Stimme gehört wird und deswegen werde ich auch so lange ich es zeitlich irgendwie auf die Reihe bekomme weiter bloggen.
Schreiben ist eine meiner größten Leidenschaften und deswegen freue ich mich auch unglaublich über das überwältigende positive Feedback, das ich in der letzten Woche bekommen habe. Vielen vielen Dank, ihr seid die Besten und ich freue mich über jeden einzelnen Kommentar, jede Nachricht auf Instagram und auf WhatsApp. Ihr seid die Motivation, die ich manchmal brauche, um nicht einfach aufzugeben. Danke.

Du

Als du mir
gegenüber
standest schlug mein Herz bis zum Halse während es
gleichzeitig in die Hose rutschte, mein Gesicht lief rot an, während
zeitgleich alles Blut daraus wich, meine Hände zitterten
während ich zur Statue erstarrte.

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You tasted like
the poetry
I wish I could write.

– a thought

 

 

Weltfrauentag

Gestern war, wir wissen es alle (war auch kaum übersehbar) Weltfrauentag.

Rossmann hat sich für eine Woche lang in “Rossfrau” umbenannt, 10.000 Rabattaktionen überall, alle feiern Frauen und die Gleichberechtigung des modernen Zeitalters, die Schönheit, die Intelligenz von Frauen, ihre Stärke, Vielseitigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen. Politiker thematisieren plötzlich Gleichstellung und Gleichberechtigung, Konzerne und Geschäfte feiern uns plötzlich als ihre Kundinnen und in all dem Konfetti und den Luftballons und den Reden kommt auch schon der nächste Tag, an dem alle bequem wieder alles vergessen können, gestern war ja schließlich Weltfrauentag, da hat man ja genug getan.

Darf ich mich überhaupt so über diesen Tag aufregen? Eigentlich sollte er doch mein Geschlecht feiern und gleichzeitig dazu genutzt werden, auf bestehende Missstände hinzuweisen. Trotzdem fühle ich mich immer seltsam, wenn man plötzlich so viel darüber liest, wenn ich angesprochen werde, weil “es ist ja Frauentag heute, bedeutet dir das was?”

Die einfache und eigentlich auch naive Antwort wäre: “Nein, außerdem sind diese seltsamen Internationalen Tage der/s ….. auch eigentlich allen egal.” Wenn ich weiter darüber nachdenke ist die Aussage, dass die meisten Menschen sich nicht für so etwas interessieren zwar richtig, aber gleichzeitig denke ich daran, was andere Menschen wohl denken, wenn sie hören, dass heute Weltfrauentag ist. Einer meiner Lehrer kommentierte das mit “Ja mei, lassen wir ihnen doch den einen Tag” und irgendwie hat er Recht. Denn alles was damit irgendwie erreicht wird ist doch, dass sich alle am nächsten Tag selbst auf die Schulter klopfen können, toll haben wir die Frauen gelobt, toll haben wir uns für ihre Rechte eingesetzt, alles super gestern, jetzt können wir ja doch wieder wie gewohnt weitermachen, mit unseren 364 übriggebliebenen Weltmännertagen.

Versteht das nicht falsch, es ist wichtig, auf Missstände aufmerksam zu machen, denn die gibt es nur zuhauf, und gleichzeitig vielleicht endlich mal zu feiern, was bisher schon alles erreicht wurde. Aber es ist eben nicht genug, das nur ein einziges Mal im Jahr zum großen Thema zu machen. Es nutzt den Frauen der Welt auch überhaupt nichts, wenn wir Rabattaktionen in Kaufhäusern bekommen, oder sich eine Filiale für eine Woche zu “Rossfrau” umbenennen lässt. Was mal nützlich wäre, wäre eine Offenlegung, welches Geschlecht in welchen Positionen in welchen Unternehmen tatsächlich wie viel verdient. Denn wir sind uns ja alle einig, dass der GPG ungerecht ist/wäre – uneinig sind wir uns aber allein schon in der Frage nach seiner Existenz. Gut wäre auch mal, wenn man Mädchen in der Schule in Mathe nicht nur dann ermutigt, wenn Weltfrauentag ist, und dann zwei Wochen später wieder mit dem gleichen sexistischen Müll weitermacht, der davor kam.

Der Weltfrauentag wirkt für mich wie ein Mittel zur Beruhigung des Gewissens unserer Gesellschaft, denn ja, toll haben wir die Frauen gestern behandelt, können uns allen mal auf die Schulter klopfen und jetzt können wir ja bitte so weitermachen wie bisher, oder?

“voll schwul.”

“Fuuuck, das sieht so schwul aus” sagst du, während ich innerlich zusammenzucke.
Ich überlege, ob ich etwas sagen soll, ob ich dich darauf ansprechen soll, ob ich riskieren soll, als übersensibel rüberzukommen.

Was macht es mit Leuten aus der LGBTQ-Community, wenn andere ihre sexuelle Orientierung als Schimpfwort verwenden? Nun, die einfache Antwort ist: Zunächst einmal nicht viel. Zumindest nicht mit mir. Aber ich bin auch nicht alle, und viele von uns wachsen immer noch in einem Umfeld auf, in dem es nicht akzeptiert ist, nicht hetero zu sein. Ich weiß, viele sagen, man solle sich solche Ausdrücke nicht so zu Herzen nehmen, sie meinen es ja nicht so, “Schwuchtel” ist genauso ein Wort wie Hurensohn, es hat angeblich nichts mehr mit der Ursprungsbedeutung zu tun.
Kann sein, dass das für euch, für dich so ist. Aber wenn du beinahe täglich mitbekommst, dass Menschen dich dafür ablehnen, wer du bist, wen du liebst, dann verletzt dich das. Und jedes Mal, wenn du jemanden hörst, wie er deine sexuelle Orientierung als ein negatives Wort benutzt ist das ein weiterer Hieb in dein weiter und weiter schrumpfendes Selbstbewusstsein.

Für viele von euch ist das vielleicht nicht so ganz nachvollziehbar, denn ihr habt noch nie irgendwelche Probleme für eure Sexualität bekommen (ich gehe jetzt einmal von einer heterosexuellen Person aus). Ich persönlich bin auch nicht schwul, ich bin bi, und habe auch schon häufig Ablehnung deswegen erfahren. Trotzdem ist mir das eigentlich komplett egal, denn ich bin wer ich bin, ich weiß dass ich okay bin, wie ich bin. Ich bin in einem gutem Umfeld aufgewachsen, ich wusste immer, dass Homosexualität okay ist, dass Liebe einfach Liebe ist.

Warum es mich trotzdem stört?

Denkt mal an die Menschen, die euch auch hören können, die sich vielleicht noch nicht so ganz sicher sind, was das überhaupt ist, die vielleicht auch noch nicht ganz wissen, welche sexuelle Orientierung sie haben. Das einzige, was sie immer und immer wieder mitbekommen ist, dass es etwas schlechtes ist.

Paragraph 175 – auch der Schwulenparagraph genannt – existierte von 1872 bis 1994 und stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Die Nationalsozialisten verschärften ihn im Jahr 1935 durch Anhebung der Höchststrafe von 6 Monaten auf 5 Jahre während gleichzeitig der Tatbestand auf sämtliche “unzüchtige Handlungen” ausgeweitet wurde. 1969 und 1973 wurde der §175 zweimal reformiert, seitdem waren nur noch sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar. 1994 wurde der Paragraph ersatzlos gestrichen.

Ganz abgesehen davon nimmt man nicht die Eigenschaft einer Minderheit, um damit “normale” Menschen & Dinge zu beschimpfen, denn damit wertet man diese Minderheit automatisch immer mit herab. Es ist mir dabei ziemlich egal, ob “Schwuchtel” für dich “nur so ist wie Hurensohn, ist nix gegen Schwule” denn deine heterosexuelle Perspektive interessiert mich tatsächlich eher wenig. Bis 1994 gab es bei uns den “Schwulenparagraph”, bis letztes Jahr durften Homosexuelle in Deutschland nicht einmal heiraten, Bermuda hat die Ehe für alle wieder rückgängig gemacht, in Russland darf man seine Liebe nicht öffentlich zeigen, in 70 Staaten gibt es Gesetze gegen Homosexualität, in 7 Staaten kann ich für meine sexuelle Orientierung hingerichtet werden.

Entschuldige, wenn ich es nicht lustig finde oder es nicht “nicht so ernst nehmen” kann.

Und wenn ich euch darauf anspreche? Dann sagt ihr mir, ich soll es nicht so ernst nehmen, ihr fragt, warum ich meine Sexualität immer zum Thema machen muss. Vielleicht liegt es daran, dass ihr sie dazu verwendet, andere zu beleidigen.

Schwul zu sein ist komplett normal. Stimmt. Warum verwendet ihr dann eine ganz normale Sache, um euch zu beleidigen?