Weltfrauentag

Gestern war, wir wissen es alle (war auch kaum übersehbar) Weltfrauentag.

Rossmann hat sich für eine Woche lang in “Rossfrau” umbenannt, 10.000 Rabattaktionen überall, alle feiern Frauen und die Gleichberechtigung des modernen Zeitalters, die Schönheit, die Intelligenz von Frauen, ihre Stärke, Vielseitigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen. Politiker thematisieren plötzlich Gleichstellung und Gleichberechtigung, Konzerne und Geschäfte feiern uns plötzlich als ihre Kundinnen und in all dem Konfetti und den Luftballons und den Reden kommt auch schon der nächste Tag, an dem alle bequem wieder alles vergessen können, gestern war ja schließlich Weltfrauentag, da hat man ja genug getan.

Darf ich mich überhaupt so über diesen Tag aufregen? Eigentlich sollte er doch mein Geschlecht feiern und gleichzeitig dazu genutzt werden, auf bestehende Missstände hinzuweisen. Trotzdem fühle ich mich immer seltsam, wenn man plötzlich so viel darüber liest, wenn ich angesprochen werde, weil “es ist ja Frauentag heute, bedeutet dir das was?”

Die einfache und eigentlich auch naive Antwort wäre: “Nein, außerdem sind diese seltsamen Internationalen Tage der/s ….. auch eigentlich allen egal.” Wenn ich weiter darüber nachdenke ist die Aussage, dass die meisten Menschen sich nicht für so etwas interessieren zwar richtig, aber gleichzeitig denke ich daran, was andere Menschen wohl denken, wenn sie hören, dass heute Weltfrauentag ist. Einer meiner Lehrer kommentierte das mit “Ja mei, lassen wir ihnen doch den einen Tag” und irgendwie hat er Recht. Denn alles was damit irgendwie erreicht wird ist doch, dass sich alle am nächsten Tag selbst auf die Schulter klopfen können, toll haben wir die Frauen gelobt, toll haben wir uns für ihre Rechte eingesetzt, alles super gestern, jetzt können wir ja doch wieder wie gewohnt weitermachen, mit unseren 364 übriggebliebenen Weltmännertagen.

Versteht das nicht falsch, es ist wichtig, auf Missstände aufmerksam zu machen, denn die gibt es nur zuhauf, und gleichzeitig vielleicht endlich mal zu feiern, was bisher schon alles erreicht wurde. Aber es ist eben nicht genug, das nur ein einziges Mal im Jahr zum großen Thema zu machen. Es nutzt den Frauen der Welt auch überhaupt nichts, wenn wir Rabattaktionen in Kaufhäusern bekommen, oder sich eine Filiale für eine Woche zu “Rossfrau” umbenennen lässt. Was mal nützlich wäre, wäre eine Offenlegung, welches Geschlecht in welchen Positionen in welchen Unternehmen tatsächlich wie viel verdient. Denn wir sind uns ja alle einig, dass der GPG ungerecht ist/wäre – uneinig sind wir uns aber allein schon in der Frage nach seiner Existenz. Gut wäre auch mal, wenn man Mädchen in der Schule in Mathe nicht nur dann ermutigt, wenn Weltfrauentag ist, und dann zwei Wochen später wieder mit dem gleichen sexistischen Müll weitermacht, der davor kam.

Der Weltfrauentag wirkt für mich wie ein Mittel zur Beruhigung des Gewissens unserer Gesellschaft, denn ja, toll haben wir die Frauen gestern behandelt, können uns allen mal auf die Schulter klopfen und jetzt können wir ja bitte so weitermachen wie bisher, oder?

2 Replies to “Weltfrauentag”

  1. Ich verstehe den Tag vor allem als Gedenktag im klassischen Sinne. Vor 100 Jahren haben Frauen das Wahlrecht erreicht. Das war damals eine großartige Sache.
    Das Wahlrecht war aber nur der eine wichtige erste Schritt, um eine Jahrtausende alte Geschichte der Diskriminierung zu beenden. Was folgte, waren Jahrzehnte später wichtige rechtliche Schritte wie das Recht, alleine einen Arbeitsvertrag abzuschließen oder die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe.
    Was wir in unseren westlichen Demokratien erreicht haben, ist die rechtliche Gleichstellung und ein paar Role Models von Frauen, die leider auch vermuten lassen, dass es eine soziale Gleichstellung der Geschlechter gibt. All das lässt unsere Gesellschaft meinen, der Internationale Frauentag wäre ein Feiertag.

    Wir vergessen aber, dass es eben dieses GPG gibt, dass Carearbeit immer noch meist Frauenarbeit ist. Dass Altersarmut oft Frauenarmut ist und dass Macht meistens männlich ist.

    Als Mann ist man immer noch Exot, wenn man diese Unterschiede benennt und anprangert. Noch immer sind die Grünen die einzige Partei, die konsequent mindestens 50% der Macht Frauen gibt. Je weiter man politisch nach rechts guckt, desto eher wird das Bild und kommunizierte Weltbild männlich und die Rolle der Frau rückständig.

    Der vermeintliche Feiertag ist also vor allem ein Tag, der gesellschaftliche eklatante Missstände thematisiert und mit Rabattaktionen und Blumengeschenken eine wichtige gesellschaftliche Erneuerung ad Absurdum führt.
    So, wie wir den Weltfrauentag begehen, machen wir die Gleichberechtigung lächerlich. Ein Trauerspiel.

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