Generation Alkohol

„Generation Alkohol“ ist nur einer der vielen netten Spitznamen, den ältere Generationen für uns gefunden haben, um uns während unserem Heranwachsen in eine Schublade nach der anderen zu stecken. Jetzt sind wir älter und zumindest in meinem Fall (beinahe) erwachsen und müssen uns häufig gegen diese Vorurteile verteidigen, aber sobald man das eine erfolgreich abgewehrt hat kriecht schon das nächste aus seiner Höhle. Wer auch immer sich die ganzen netten Bezeichnungen für die Menschen, die um das Jahr 2000 geboren sind, ausgedacht hat, hatte leider nicht gänzlich unrecht.

Meine Generation trinkt zu viel und zu oft, auch wenn die Statistiken rückläufige Zahlen anzeigen. Es trinken zwar noch immer weniger Jugendliche als früher, jedoch fangen sie schon früher damit an und trinken häufiger. In der kleinen Stadt in Bayern, in der ich momentan mein letztes Jahr bis zum Abitur verbringe ist es fast schon Tradition, dass Jugendliche sich auf Volksfesten regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit zulaufen lassen. Es ist also an der Zeit nach Lösungen zu suchen und diese dann auch umzusetzen. Bier und Wein kann man zwar erst ab 16 kaufen, dennoch trinken die meisten Jugendlichen bevor sie es rechtlich dürfen. Strengere Kontrollen könnten zumindest dafür sorgen, dass nicht mehr jede findige Fünzehnjährige an einen Kasten Bier oder eine Flasche Vodka gelangen kann. Dass Jugendliche auch unter 16 fast überall quasi ohne Probleme an Bier (und teilweise auch Schnaps) gelangen können ist etwas, das wir nicht weiter tolerieren können.

Für ältere Generationen sind wir als die Generation bekannt, die nichts alleine auf die Reihe und Stresssituationen nicht mehr alleine in den Griff bekommt und die eben deswegen öfters zur Flasche greift und leider gleichzeitig auch tiefer ins Glas schaut. Peinlich ist das bei uns niemandem, Sätze wie „Letztes Wochenende war ich so zu, das hättest du mal erleben sollen!“ oder „Ach nur drei Bier? Das ist ja gar nichts, ich hatte am Freitag fünf und drei Stamperl!“ hört man nach fast jedem Wochenende. Immerhin, nach den letzten fünf Jahrgängen ist Facebook bei uns wieder abgemeldet, die peinlichen Bilder von Schnapsleichen findet man meist nur noch auf Snapchat, wo man sie nach 24 Stunden sowieso nicht mehr sehen kann.

Und warum sollte man denn in meinem Alter nicht trinken? Es ist doch ganz normal, beim Essen mit Freunden ein Bier zu trinken und sich abends gemeinsam in einer Bar zu treffen. Auch Grillen am Fluss ist ohne ein Bier, Despo (eigentlich: Desperados; Biermixgetränk mit Tequila) oder eventuell Vodka Bull kaum vorstellbar. Auch ich will kein Spielverderber sein und deswegen trinke ich oft mit meinen Freunden gemeinsam, denn wenn du mal einen Abend nüchtern bleiben willst, kassierst du mindestens einen schiefen Blick, meistens wirst du auch noch mehr oder weniger scherzhaft als „Langweiler“ bezeichnet. 

Alkohol ist die Droge unserer Gesellschaft und es wird fast nichts dagegen unternommen, die schädlichen Auswirkungen dürften, zumindest unterbewusst, jedem bekannt sein. Trotzdem trinken die Menschen gerade in meiner Generation gefühlt 5 Liter Bier in der Woche, oder eben vergleichbar viel Hochprozentiges – was übrigens gar nicht so teuer ist wie man glaubt.

Warum wir trinken? Also zumindest hier, in einer Kleinstadt mit keinerlei Möglichkeiten für die Jugend haben wir einfach keine anderen Optionen, wie wir unsere Freitag- und Samstagabende sonst verbringen sollten. Wo sonst sollte sich der ganze Jahrgang treffen, miteinander Spaß haben, wenn nicht in dem Club, den es bei uns schon seit 1982 gibt? Man könnte also schon fast behaupten, der hohe Alkoholkonsum entspringt einer Art Alternativlosigkeit und gleichzeitig auch einer Art des Auflehnens gegen das System, welches uns Tag für Tag dazu zwingt, in einem Stuhl zu sitzen und stur auswendig zu lernen, was der Lehrer an die Tafel schreibt. Die Nachmittage verbringen wir gezwungenermaßen mit Hausaufgaben und Lernen für den nächsten Kurztest, die nächste Ex, Klausur oder Ausfrage. „Wenn du nicht mithalten kannst, kannst du ja auf die Realschule gehen“ ist einer der Sätze, die wir fast jedes Jahr zu Ohren bekommen. Nur für uns gibt es diese Möglichkeit nicht mehr, alles was wir haben, wenn wir jetzt abgehen, ist ein in den meisten Fällen eher mittelmäßiger Hauptschulabschluss. Und aus genau diesem Grund feiern wir an den Freitagabenden und übertreiben es so viel zu oft, weil wir ja keine andere Möglichkeit dazu haben. Frustsaufen ist fast schon akzeptiert bei uns, wenn jemand nicht gut drauf ist, Liebeskummer oder sonstige Probleme hat, wird er als erstes am nächsten Freitag mit zum Saufen geschleppt, einfach mal „den Kopf frei kriegen und ’n bissl Spaß haben“ – vollkommen egal ob diese Person dann schon um zehn Uhr nicht mehr von dem Eimer loskommt, der ihr neuer bester Freund geworden ist. Anstatt unsere Probleme zu lösen ertränken wir sie in der nächsten Flasche, die wir in die Finger bekommen können.

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