Sie.

// Der erste Teil einer kleinen Geschichte, an der ich gerade arbeite //

Sie war ein sehr unsicherer Mensch, fühlte sich unter Menschen nie ganz wohl und war am Liebsten allein. Allein war hier vielleicht der falsche Begriff, schließlich war sie nie wirklich einsam, die Worte begleiteten sie überall hin, bildeten eine Welt in ihrem Kopf, die die Anderen nie so ganz verstehen konnten, denn deren Kopf war nicht so wie ihrer mit diesen wirbelnden schwarzen Gebilden gefüllt, die ihr ganzes Leben bestimmten und verschönerten, ohne die sie nicht sein konnte. 

Andere betrachteten sie nur von fern, die Meisten fanden sie seltsam und hielten Abstand, wenn sie wie immer mit ihrem kleinen schwarzen Notizbuch unter dem gleichen Baum saß und scheinbar ohne Unterbrechung schrieb. Das Buch schien nie voll zu werden oder zu wechseln, auch wenn sie, so sah es zumindest aus, jeden Tag mehrere Seiten davon füllte. Manchmal konnte man sie dabei beobachten, wie sie einige Seiten daraus wieder ausriss, sie wütend zusammenknüllte und wegwarf, weil ihr die Kunstwerke aus Tinte nicht gefielen, die sie zu Papier gebracht hatte. Sie wollte immer, dass alles perfekt war, überlegte oft minutenlang an ihrem Stift kauend, was der am besten passende Ausdruck für diese Situation war, und wie sie ihre Texte am besten aufbauen sollte. Manchmal schrieb sie jedoch auch einfach darauf los, weil die Worte ihr zuflossen, leise ins Ohr krochen und sie nicht anders konnte, als sie alle niederzuschreiben. Dieses Land in ihrem Kopf, bestehend aus Druckerschwärze und dem Geruch von Papier wollte nicht nur leise in ihr existieren, es wollte in die Welt hinausgetragen werden, denn es war zu bittersüß und wunderschön, als dass sie es für sich behalten hätte können. Die Worte waren ihre Zuflucht, auch wenn die Frucht ihrer Arbeit nie jemand zu sehen bekam, denn alles was sie in diesem kleinen Buch festhielt, war zu privat und sie befürchtete, die fragilen Sätze würden scharfer Kritik und der Aufmerksamkeit der Welt nicht standhalten. Sprache und Worte waren ihre Zuflucht, etwas, das man ihr niemals nehmen konnte und sie bewunderte die beinahe unbegrenzten Möglichkeiten sprachlicher Ausdrücke. Worte faszinierten sie, vor allem die, die man aus mehreren anderen zusammengesetzt hatte. „Bittersüß“ war ein perfektes Beispiel dafür, ein Wort das einem auf der Zunge zerschmolz, genauso wie dunkle Schokolade, an die es sie erinnerte. Wenn sie nicht gerade schrieb, dann lief sie mit Kopfhörern, aus denen keine Musik drang, in den Ohren durch die Gegend. Sie hörte keine Musik, denn sie brauchte nichts um die Welt zum Schweigen zu bringen, die Gestalten aus Tinte erledigten das für sie. Nein, aus den kleinen Knöpfen in ihren Ohren ertönte keine Musik, nur White Noise, die perfekte Grundlage für die schwarzen Figuren, die ihr ihre Geschichten erzählten. Schwarz auf Weiß, rundbäuchig, eckig, gerade oder schief, sie liebte jede einzelne von ihnen, denn jede Geschichte war es wert, gehört und danach aufgeschrieben zu werden. 

// Hier gehts zum zweiten Teil //

2 Replies to “Sie.”

  1. Pingback: Er – machtnix

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