Wie diskutiert man eigentlich über grundlegende Dinge wie die Menschenrechte?

Wer sind wir, was ist unsere kulturelle Identität? Wer sind wir Deutschen als Kulturnation? Aktuelle Fragen, die sich Thomas Mann schon damals in seinem sechshundert Seiten langem Essay “Betrachtungen eines Unpolitischen” stellte.

Vor allem jetzt hält die Frage nach unserer Kultur in allen Bereichen unseres Lebens Einzug. Vor allem beim Thema Immigration sind sich plötzlich alle einig: Unsere Deutsche Kultur muss erhalten werden und die, die hierher kommen, haben sich gefälligst anzupassen. Alles irgendwo okay, natürlich muss man die Kultur seines Gastlandes respektieren, aber trotzdem stellt sich mir immer die Frage, was unsere deutsche Kultur denn nun überhaupt ist.

Es ist unsere Sprache, mit Sicherheit, es sind aber (meiner Meinung nach) genauso unsere Wert- und Moralvorstellungen, die wir vor allem seit der Epoche der Aufklärung entwickelt haben. Unser Land hat eine christliche Vergangenheit, der Großteil der deutschen Bevölkerung ist auch heute noch Mitglied in einer Kirche, auch wenn der Glaube in den Leben der meisten Deutschen nur noch eine sehr kleine Rolle spielt. Trotzdem werden Parteien wie die AfD oder die CSU nicht müde zu betonen, dass das Christentum zur “Leitkultur” gehöre, seit neuestem hängen deswegen auch in allen bayerischen Behörden Kreuze. Dass ich, und mit mir eine ganze Menge anderer Atheisten, mich als Deutsche damit so überhaupt nicht identifizieren kann, ist anscheinend egal.

Ich war nie wirklich “stolz” darauf, Deutsche zu sein, schließlich ist das nichts, wofür ich arbeiten musste, nicht etwas, das ich selbst erreichen musste. Mittlerweile bin ich aber sehr wohl stolz darauf, welche Werte die meisten Menschen in Deutschland vertreten, und welche großartige Leistung wir im Jahr 2015 während der Flüchtlingskrise vollbracht haben. Ein Beispiel dafür sind die Münchner, die Flüchtlinge am Bahnhof willkommen geheißen haben und die unzähligen ehrenamtlichen HelferInnen. Weil Deutschland bunt ist, voller Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Ich war so stolz darauf, was unsere Bevölkerung geleistet hat, wie wir damit umgegangen sind, trotz all der Probleme, die sich aufgetan haben und an deren Lösung wir noch immer arbeiten. Ich bin noch immer stolz auf die Akzeptanz und Toleranz unserer Gesellschaft, während sich in mir gleichzeitig eine tiefe Fassungslosigkeit gegenüber dem, was sich mit der AfD in unserer Bevölkerung breit gemacht hat, ausgebreitet hat.

Fremdenfeindlichkeit und Begriffe wie die einer “Deutschen Rasse” sowie die absurde Behauptung eines “Deutschen Genozides” sind plötzlich in der Bevölkerung akzeptiert, Begriffe wie “Asyltourismus” oder “Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner” sind dabei, wieder salonfähig zu werden. Die Relativierung des Holocausts ist plötzlich auch kein großer Schock mehr, zu abgestumpft sind wir mittlerweile der rechtsradikalen Rhetorik gegenüber.

Als politischer Mensch ist es fast nicht auszuhalten, die Forderungen der CSU zu verfolgen und zu bemerken, was sich dabei unmittelbar in den Köpfen der Bevölkerung verändert. Denn das Gerede der PolitikerInnen löst in den Menschen den “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen”-Reflex und das Gefühl der Rechtfertigung rechten Gedankenguts aus. Auf einmal kann man wieder von “Biodeutschen” reden und während der Großteil der Bevölkerung deswegen vor Verzweiflung gegen eine Wand rennen möchte, bekommt der/die dementsprechende KommentarschreiberIn auch noch Unterstützung für seinen/ihren Mut. Selbsternannte PatriotInnen kämpfen gegen die “Islamisierung des Abendlandes”, während rassistische und menschenverachtende Rhetorik immer akzeptierter wird.

Die Lehre einer “Weißen Rasse” und dem “Weißen Genozid” wird unkommentiert verbreitet und als normaler Mensch weiß man in solchen Diskussionen meist einfach nicht mehr, was man sagen soll.

Denn wie diskutiert man über so grundlegende Dinge wie die Frage, ob man einem Teil der Menschheit die Menschenwürde und ihr Recht auf Leben nicht einfach aberkennen könne? Denn das ist die unweigerliche Folge davon, Flüchtlinge abzuweisen oder sie in ihre Heimatländer wie beispielsweise Afghanistan zurückzubringen. Afghanistan ist kein sicheres Land und es ist unmenschlich, jemanden dorthin abzuschieben.

Um auf unsere deutsche Kultur zurückzukommen: In unserer Vergangenheit findet man viele bedeutende KünstlerInnen, Goethe und Schiller sind hier nur zwei der bekanntesten, aber auch bedeutende WissenschaftlerInnen wie Einstein oder in der aktuelleren Geschichte Christiane Nüsslein-Volhard (Nobelpreisträgerin). Diese Vergangenheit, die ein großer Teil unserer Kultur ist, kann uns auch heute niemand mehr wegnehmen. Viele Medien sprechen heutzutage von der Angst davor, unsere “Deutsche Kultur” zu verlieren und im Zuge davon wird gerne behauptet, Deutschland wäre innerhalb von 50 Jahren “minderheitlich deutsch”, wobei hier von “biologischen Deutschen” gesprochen wird. Abgesehen davon, dass diese Behauptung vollkommen unrealistisch ist und es keine “Deutsche Rasse” gibt, braucht Deutschland pro Jahr mindestens 267.000 bis zu einer halben Million Einwander jährlich um nicht zu Schrumpfen. Denn ein Rückgang der Bevölkerungszahl bei gleichzeitiger Erhörung der Lebensdauer könnte zu einem riesigen Problem führen.
Kultur ist immer im Wandel, sie bleibt nie gleich. Man muss sich nur die allgemeinen Wertvorstellungen vor und nach der Aufklärung ansehen, um zu verstehen, wie schnell sich manche Dinge ändern können – und das nicht unbedingt zum schlechteren.

Ist es denn gerechtfertigt, aus Angst vor Veränderung Menschen das Recht auf Leben, und zwar ein Leben ohne Angst, abzusprechen? Ist es denn in Ordnung, Menschen einen höheren Lebensstandard abzusprechen, weil sie leider auf der anderen Seite des Mittelmeeres geboren sind? Ist es okay, dabei zuzusehen, wie Menschen ertrinken, weil man sie nicht retten möchte? Ist es okay, einem Schiff, das Flüchtlinge gerettet hat und nur für 48 Stunden genügend Nahrung hat, zu untersagen anzulegen? Widerspricht das nicht genau unseren Wertvorstellungen und dem urchristlichen Wert der Nächstenliebe?

Wann sind wir eigentlich an dem Punkt angekommen, an dem es okay ist, Menschenrechte zu missachten und zur Diskussion und damit gleichzeitig zur Disposition zu stellen?

 

 

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