Er

// Der zweite Teil; zum ersten geht es hier. //

Er beobachtete sie oft von fern und sah einmal, wie sie eine dieser beschriebenen Seiten mit verzerrtem Gesicht ausriss und wegwarf, und, rein zufällig natürlich, ging er später an eben jenem Mülleimer vorbei und fischte die liniierte und eng beschriebene Seite heraus. Er war zwar erst zwölf Jahre alt und doch verstand er mehr von der Welt um ihn herum, als den meisten Erwachsenen lieb war. Zum Beispiel wusste er, dass jegliche Art von Imperfektion in dieser Gesellschaft nicht einfach übersehen wurde, sondern mit allen Mitteln wegtherapiert wurde. Für seine LehrerInnen und nicht zuletzt auch seine Eltern war es nicht akzeptabel, dass er einfach nicht so schnell las, wie andere Kinder in seinem Alter und noch weniger, dass er so still war, nicht so viel draußen herumrannte, wie andere Kinder. Wie er diesen Begriff hasste, die „anderen Kinder“. Eigentlich mochte er die Kinder in seinem Alter, auch wenn viele von ihnen nicht allzu nett zu ihm waren. Trotzdem hatte er einen Freund, er war klein, ein wenig rundlicher als „andere Kinder“ und trug eine kleine, kreisrunde Brille, die ihn immer ein wenig an Harry Potter erinnerte. Samuel, so hieß er, gefiel dieser Spitzname, schließlich war Harry Potter eine seiner Lieblingsbuchserien und Kindheitshelden. Früher, als sie kleiner gewesen waren, spielten sie oft Szenen aus den Büchern nach, wobei er selbst meist die Rolle von Hermine eingenommen hatte, während Samuel Harry spielte. Samuel sagte, das passte einfach, wegen der Brille und überhaupt. Er traf sich trotzdem nicht oft mit Samuel, er war eigentlich ganz glücklich damit, allein zu sein. 

Seine Eltern sagten, er sollte mehr rausgehen, fröhlicher sein, mehr lesen, mehr reden, mehr von allem einfach. Hauptsache er war weniger ruhig, las besser, sprach mehr, machte einfach alles besser. Es war ihnen unheimlich, dass er oft stundenlang einfach nur dasitzen konnte, und in die Luft starrte. Um ehrlich zu sein starrte er nicht einfach nur in die Luft, er beobachtete seine Umgebung, die Grashalme, die sich so synchron im Wind bewegten, die Menschen, die scheinbar alle durch ihr Leben hetzten, zumindest waren die Wenigsten in einem eher langsameren Gehtempo unterwegs und wenn, dann machten sie unglückliche Gesichter. Unter all den Dingen und Personen, die er Tag für Tag beobachtete, fiel sie ihm immer wieder auf. Nicht durch ihr außergewöhnliches Äußeres, eher durch ihre scheinbare Bewegungslosigkeit, in einer Welt in der alles so schnell ging. Während Andere durch die Gegend liefen, fuhren oder gingen, saß sie einfach immer weiter nur da, das Einzige, das sich bewegte, war ihr mitternachtsblauer Füller, der das Buch nach und nach mit tiefschwarzen Buchstaben füllte, eine Seite nach der anderen. Bis auf heute, heute war es anders gewesen. Heute riss sie beinahe so viele Seiten aus, wie sie beschrieben hatte und er konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen. Nachdem sie den Park verlassen hatte, ging er an dem Mülleimer vorbei, in welchen sie die eng beschriebenen Seiten geworfen hatte. Als er nach seinem Tauchgang in den Abfallkübel wieder auftauchte, er musste sich den Weg an mehreren Kaffeebechern und einer Bananenschale vorbei bahnen, merkte er, dass er angestarrt wurde. Auf der anderen Seite des Parks stand eine Gruppe Kinder in seinem Alter, die sich gegenseitig anstießen, auf ihn zeigten und dabei lachten. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, doch er konnte nichts tun, als einfach dazustehen. Hinter ihm ertönte eine Stimme: „Max“ und dann nochmal, diesmal aus geringerer Entfernung: „Max, was machst du da?“ Die Blätter noch immer fest umklammert, drehte er sich zu seiner Schwester um. „N-nichts.“ und dann „Können wir heimgehen?“ Sie blickte ihn misstrauisch an, fragte aber nicht noch einmal nach, was er so fest umklammert hielt, dass seine Knöchel ganz weiß wurden. Auch als sie zuhause angekommen waren, betrachtete er die Blätter noch nicht, sondern glättete zuerst sorgfältig das Papier, faltete sie danach ordentlich zusammen und legte sie in seine kleine Schatztruhe, die Amalia ihm zu seinem sechsten Geburtstag geschenkt hatte. „Für deine Schätze“ hatte sie damals gesagt, und ihm die Haare zerstrubbelt. Obwohl er es hasste, wenn jemand das tat, liebte er seine Schwester abgöttisch. Sie war die Einzige, die nicht versuchte ihn zu ändern, sondern ihn einfach annahm, wie er war. 

In den folgenden Wochen nahm er die Blätter oft aus der kleinen Kiste heraus, doch er faltete sie nie auseinander, um zu erfahren, was sie wohl beinhalteten. Er traute sich lange nicht, die Seiten zu lesen, denn oft, wenn er versuchte einen längeren Text zu verstehen, begannen die Worte vor seinen Augen zu tanzen und zu verschwimmen, bis am Ende ein unverständlicher Buchstabensalat dabei herauskam.

// Hier gehts zum dritten Teil. //

Eine Antwort auf „Er“

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