Die Andere

// Der dritte Teil; hier gehts zum Ersten. //

Sie liebte ihren Bruder, auch wenn sie das vor ihren Freunden niemals zugegeben hätte. Alles, was Familie betraf, wurde dort mit dem Adjektiv „uncool“ versehen, denn niemand ihrer Freunde hatte ein besonders gutes Verhältnis mit ihren Eltern. Sie mochte ihren Freundeskreis, wirklich, schließlich hatte sie auch lange genug dafür gekämpft, ein Teil davon zu werden. Früher, da war sie das uncoole Mädchen gewesen, mit dem niemand befreundet hatte sein wollen. Sie hatte sich oft selbst deswegen fertiggemacht, sie dachte es läge an ihrem Charakter, an ihrer Art, dass niemand sie als Freundin haben wollte. Hätte sie doch damals schon gewusst, wie oberflächlich die Welt tatsächlich war. Die gesamte Grundschule über saß sie jede Pause allein unter einem Baum und vergrub ihre Nase in einem Buch, was ihr den Spitznamen „Bücherwurm“ eingebracht hatte. Nach einer Weile versuchte sie nicht einmal mehr, bei den Spielen der anderen Kinder mitzuspielen, es wollte sie sowieso niemand dabei haben. Und dann endlich, als sie zwölf geworden war, hatte sie die Schule gewechselt und es hatte sich alles geändert. Den Sommer hatte sie damit verbracht, sich neue Klamotten zu kaufen, alle „Mädchenzeitschriften“ die sie finden konnte, zu lesen und zu lernen, wie man „cool“ war. Und dann, nach dem Sommer wurde es irgendwie anders. Einerseits freute sie sich darüber, endlich dazuzugehören, Freunde zu haben, andererseits fühlte es sich wie ein Verrat an sich selbst an. Sie las nicht mehr jeden Tag unter diesem einen Baum im Park neben der Schule, nur manchmal blickte sie ihn im Vorbeigehen ein wenig zu lange an. Mittlerweile saßen andere Personen dort, je nach Tag und Uhrzeit jemand anderes, es fühlte sich an, als wäre ihr ihr Platz weggenommen worden. Im Verlauf der Jahre beobachtete sie, wie jemand anderes ihren Platz zu dem ihren machte. Es war ein eher kleines, zierliches Mädchen, das meistens in irgendein Buch versunken schien, doch so genau wusste sie es auch wieder nicht. Sie wollte niemanden Fremden anstarren und so blieb sie nur dann dort stehen, in Gedanken versunken, wenn niemand anderes dort saß – Zumindest so lange, bis einer ihrer Freunde nach ihr rief, und sie schnell weiterging, den bitteren Geschmack der Erinnerungen an die Zeit, in der der Platz unter der alten Eiche noch der ihrer gewesen war, unterdrückend. Hin und wieder, wenn es sie aus irgendeinem Grund auf den Dachboden verschlug, kam es ihr so vor, als würden die alten Kisten mit ihren Büchern sie vorwurfsvoll anstarren. Die Erinnerungen an ihre Kindheit und an die anderen Welten, in die sie sich damals flüchten konnte, überkamen sie jedes Mal, wenn sie dort oben war. Sie hatte die riesigen Bücherregale gegen kleine Regalbretter mit dekorativen Gegenständen eingetauscht. Manchmal hatte sie das Gefühl, niemand ihrer zahlreichen Freunde kannte sie tatsächlich, sie wussten ja doch nur das, was sie bereit war, ihnen zu zeigen. Sie wussten alle nichts davon, wer sie unter der Maske war, die sie jeden Morgen aus Makeup und Haargel neu formte. Das Einzige, was sie nicht komplett verloren hatte, war ihr Style, der sich auch durch die hundertste Zeitschrift nicht an Trends und an Dinge, die „typisch“ für Mädchen waren, anpassen hatte lassen. Am liebsten trug sie lange, dunkle Hosen, flache Schuhe und ein Hemd oder eine schlichte Bluse, sie konnte nichts mit all den Details anfangen, die die meisten Frauenklamotten zierten. Sie war eine recht unauffällige Person, die genau dadurch, dass sie sich nicht immer ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellte, auffiel. Es war nicht allzu schwer, unauffällig zu bleiben, da alle Personen um sie herum gleich waren, nach Aufmerksamkeit lechzten und mit allen Mitteln versuchten, diese zu bekommen. Es war egal, welche Art von Aufmerksamkeit; Bewunderung, Abneigung oder stilles Verurteilen, Hauptsache, sie wurden bemerkt. Sie ließ sich einfach mit ihren Freunden treiben, verbrachte Nachmittage an der Spree oder auf den Dächern von Hochhäusern, illegal oder legal, sie machte eigentlich alles mit, einfach nur, um dazuzugehören. Ihre Freunde waren wie ihr zweites Zuhause, auch wenn sie nicht genau wusste, wo das erste war.

Eine Antwort auf „Die Andere“

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