Der “Spaß-Tüv” – Sind jetzt etwa alle Witze verboten?

Karneval, Narrenzeit. Die Zeit, in der unter dem scheinheiligen Mantel der Narrenfreiheit so manche Dinge gesagt und Hiebe unter der Gürtellinie ausgeteilt werden. Annegret Kramp-Karrenbauer setzte sich mit einem “Witz” über das dritte Geschlecht gehörig in die Nesseln – und das zu Recht.

“Wer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.”

Das verkaufte Kramp-Karrenbauer während ihrem “satirischen” Auftritt am Donnerstag im baden-württembergischen Stockach am Bodensee als Witz, denn im Karneval darf man ja anscheinend auch Dinge, die normalerweise nicht erlaubt sind. Andererseits, bei AKK wäre es auch keine Überraschung gewesen, wenn sie eine Äußerung wie diese in einer ihrer ganz normalen Ansprachen gemacht hätte. Schließlich fiel sie schon oft durch ihren sehr konservativen Standpunkt zur gleichgeschlechtlichen Ehe auf, die sie mehrmal in die Nähe von Inzest und Polygamie gerückt hatte.

Das gesamte Internet – vorrangig Twitter – fand ihren “Witz” auch überhaupt nicht witzig und so forderten einige namhafte Blogger*innen und Politiker*innen (so unter anderem Sven Lehmann und Jens Brandenburg) Entschuldigungen von ihr, während Ralf Schuler von der Bild lieber fragte, was die ganze Aufregung denn eigentlich sollte. Schließlich ist ja Karneval und ein “Karneval der Korrekten” wäre ja auch wahnsinnig langweilig.

Stimmt schon, worüber sollen privilegierte, weiße, cis und heterosexuelle Menschen denn eigentlich noch lachen, wenn nicht über Frauen, Homo-,Trans- und Intersexuelle oder andere marginalisierte Gruppen? Witze sind ja nicht witzig, wenn alle lachen können; für mindestens eine Bevölkerungsgruppe muss so ein richtiger Witz unbedingt beleidigend sein, sonst qualifiziert er ja nicht als witzig. – Zumindest ist das das Gefühl, das mensch bekommt, wenn es Kommentare wie den von Ralf Schuler liest, der das Konzept von Witzen anscheinend nicht ganz verstanden hat.

Wir kennen das ja, als Kind macht mensch gerne mal böse Kommentare, die wir dann auch noch witzig fanden, schließlich konnte mensch ja selbst drüber lachen. Und dann bringt dir eine*r Erwachsene*r auf mehr oder weniger schonende Art und Weise bei, dass Dinge eigentlich nur dann witzig sind, wenn jede*r darüber lachen kann. Bei unserer Gesellschaft und jetzt gerade Annegret Kramp-Karrenbauer bekommt mensch immer öfter das Gefühl, dass so manche*r diese Person in ihrer Erziehung nicht hatten, die einem*r beibrachten, dass es nicht witzig ist, sich auf Kosten anderer einen “Spaß” zu erlauben sondern einfach unangebracht und unhöflich.

Im Karneval ging es ursprünglich einmal darum, sich über Herrschende lustig zu machen, Machtstrukturen aufzuzeigen und ins Lächerliche zu ziehen und nicht darum, noch einmal nach unten zu treten und es damit denen, die es sowieso schon schwer hatten, noch schwerer zu machen.

Aus Schülersicht: Gymnasien in Bayern

Symbolbild. Quelle: Pixabay

Bayern und sein Schulsystem, oft über den grünen Klee gelobt und von Menschen in ganz Deutschland als besonders schwierig aber gleichzeitig besonders gut betrachtet. Schulen in Bayern sind gut ausgestattet, die Lehrer*innen gut ausgebildet und der Weg zum Abitur viel schwieriger als in anderen Bundesländern. Oder zumindest heißt es das immer.

Aber wie viel ist da wirklich dran? Sind die bayerischen Schüler*innen wirklich so viel besser als die im Rest von Deutschland? Sind die Schulen besser ausgestattet und der Stoff schwieriger?

Zunächst muss erwähnt werden, dass Bayern jetzt gerade wieder den Wechsel zwischen dem G8 und einem neuen G9 durchmacht, was zumindest aus meiner Perspektive wenig sinnvoll erscheint. Als Schülersprecherin hatte ich einige Monate vor der Entscheidung über das G9 die Möglichkeit, mit einem Mitglied des bayerischen Bildungsausschusses zu diskutieren, der uns mitteilte, dass der Lehrplan für das neue G9 und das eigentliche Konzept noch nicht einmal im entferntestem feststünde und die Politiker*innen somit auf bloßer Grundlage ihres Bauchgefühles entscheiden müssten. Einige Wochen später wurde dann die endgültige Entscheidung getroffen: Das G9 wird in einer neuen Form wieder eingeführt. Es ist zweifelhaft, dass das neue G9 die Situation der Schüler und Schülerinnen wirklich verbessern wird, da erst die Oberstufe so richtig stressig wird und genau das der einzige Teil ist, der nicht verändert werden wird. Es ist logisch, dass viele Schüler*innen auch in unteren Jahrgangsstufen Schwierigkeiten haben, Schritt zu halten. Nichtsdestotrotz ist die Oberstufe noch einmal etwas komplett anders und wie viele andere fühlte ich mich zu Beginn ins kalte Wasser geworfen, da der Kontrast zwischen zehnter und elfter Klasse ziemlich stark ist; und dass, obwohl ich eigentlich eine sehr gute Schülerin bin.

Das Schulsystem basiert bist jetzt auf reinem Frontalunterricht und darauf, wie schnell du Dinge auswendig lernen kannst. Das (bayerische) Gymnasium in seiner jetzigen Form hat nicht mehr allzu viel mit der Intelligenz der Schülerschaft, sondern mit deren Anpassungsfähigkeit an das System zu tun. Lehrer*innen, die Schüler*innen helfen sich Informationen selbst zu erarbeiten, die ihr Interesse in den Fächern wecken und zur selbständigen Arbeit ermuntern sind leider eher die Seltenheit. Stattdessen bekommt mensch so gut wie in allen Fächern einen vorgekauten Brei an die Tafel geschrieben, den mensch auswendig lernen muss und wenn mensch mit dieser Art des Unterrichts nicht arbeiten kann, hat man einfach Pech gehabt. 

In diesem Jahr hatte ich das Glück einige Lehrer*innen zu haben, die das eben nicht so machen, sondern jedem*r Schüler*in dabei halfen, sich Informationen selbst zu erarbeiten und danach gemeinsam mit den anderen zusammenzufassen und darüber zu diskutieren. Diese Lehrer*innen sorgen dafür, dass mensch damit beginnt, sich selbstständig mit dem Stoff auseinanderzusetzen und sich auch außerhalb des Unterrichts damit zu beschäftigen. Sie sorgen dafür, Schüler*innen zu eigenständigen und überlebensfähigen Menschen zu erziehen, die nicht nur darauf angewiesen sind, dass ihnen jemand das Wissen häppchenweise serviert. Denn das wird im späteren Leben auch niemand mehr tun.

Gleichzeitig wird von Lehrer*innen mehr und mehr das Bild einer angeblichen „Bildungselite“ vermittelt. Angeblich sind die Gymnasiast*innen nämlich die Intelligentesten und Schüler*innen anderer Schulformen im Allgemeinen dumm. Kommentare wie „Ja, dann mach halt den Quali noch nebenbei, wenn du das Gymnasium nicht schaffst ist das deine Absicherung und den schafft mensch mit links“ vermitteln ebenfalls ein falsches Bild der Bildungsqualität anderer Schularten. Der Stoff dort ist nicht unbedingt einfacher, sondern vielleicht einfach anders. 

Gymnasien in Bayern zeichnen sich jedoch noch durch andere Arten der Intoleranz aus, nicht nur gegenüber anderer Schularten sondern auch gegenüber anderer Religionen sowie Lebensstilen. Homophobe sowie sexistische Kommentare sind keine Seltenheit und einfach unangebracht. Hier ist es auch keine Seltenheit, dass Kruzifixe im Klassenzimmer hängen, genauso wie abfällige Bemerkungen über den Islam im Unterrichtsgespräch. Gleichzeitig ist es schwierig eine eigene Meinung im Unterricht zu vertreten ohne zu riskieren, als „Feminazi“ abgestempelt oder mit dem „Political Correctness ist so überbewertet“ Argument zum Schweigen gebracht zu werden. 

Jede*r Lehrer*in ist auch nur ein Mensch und vertritt deswegen logischerweise auch seine eigene Meinung aber es ist unangebracht, solche Dinge vor Schüler*innen zu sagen. Meist entwickeln die Schüler gerade in diesem Alter ihre Persönlichkeit und finden mehr über sich selbst und ihre Sexualität heraus. Wenn mensch in diesem Alter das Bild vermittelt bekommt, dass es nicht normal ist, homosexuell oder einfach nicht hetero und cis zu sein, dann kann das zu Unsicherheit, Selbstzweifel und -hass führen. Intoleranz, die in der Schule vermittelt wird, wird sehr oft einfach in die eigenen Überzeugungen und Moralvorstellung übernommen, da mensch davon ausgeht, dass die Lehrer*innen sich auskennen und für viele eine Art Vorbildfunktion erfüllen. Es ist für Jugendliche schwierig, aus diesem Denken wieder herauszukommen

All das sind Punkte, die sich dringend ändern müssen, aber allein dadurch, die Schulzeit wieder auf neun Jahre zu verlängern wird sich überhaupt nichts verändern. Was wir brauchen ist eine Überarbeitung des Konzeptes, um jeden Schüler optimal fördern zu können. Wir sollten nicht mehr nur bloßes Wissen sondern auch Kompetenzen und die Fähigkeit, Dinge zu begreifen und sich selbst beizubringen, lehren. Das G8 an sich war nichts Schlechtes per se, aber die Umsetzung in manchen Aspekten katastrophal. Deshalb sollte mensch daran arbeiten, dieses Konzept zu perfektionieren, anstatt wieder komplett bei Null anzufangen.

Aber das ist nicht öffentlichkeitswirksam und wird garantiert keine Wähler*innenstimmen bringen, denn die Überarbeitung und Perfektionierung eines bereits vorhandenen Systemes braucht seine Zeit und ist nicht dafür geeignet, zu kurz gedachte Wahlversprechen zu erfüllen. Würde mensch die Schüler*innen einfach mal nach ihrer Meinung fragen, danach fragen, wie mensch Schule besser machen kann, so würde mensch sich vermutlich einige Mühen sparen. Aber Schüler*innen sind nunmal nicht Wähler*innen und ihre Meinung somit nicht relevant genug.

“Die wollen nur schwänzen”

Foto: Tobias Kohler

Seit einigen Wochen beschäftigt eine Jugendbewegung Europa, die Politik und die Medien: Fridays for Future ist die Klimagerechtigkeitsbewegung, die die Politik dazu auffordert, endlich zu handeln.

Ihre Forderungen in Deutschland sind einfach und präzise: Ein Kohleausstieg bis spätestens 2030 und eine echte, globale Zukunftspolitik.

Aber anstatt sich mit den Forderungen von Fridays for Future und den Berichten von Wissenschaftlern und Organisationen wie z.B. der IPCC auseinanderzusetzen, diskutiert mensch darüber, ob Schüler*innen überhaupt streiken dürfen, oder ob das als “schwänzen” gilt. Schließlich sind sich ja alle einig, dass Schüler*innen alles nur Menschenmögliche tun würden, um nicht in die Schule zu gehen.

Klar. Sie wollen nicht in die Schule und deswegen gehen sie freitags zuerst in die Schule und dann demonstrieren – und das länger, als sie jemals Unterricht hätten. Also ganz im Ernst, wer keine Lust hat, in die Schule zu gehen, der/die meldet sich einfach krank und bleibt zuhause, anstatt Konsequenzen wie Bemerkungen im Zeugnis oder Verweise in Kauf zu nehmen.

Uns Schülern geht es nicht darum, nicht in die Schule zu gehen. Glaubt mir, ich würde auch lieber für meine vier Unterrichtsstunden am Freitag in der Schule sitzen und auf den Beginn des Wochenendes warten, anstatt demonstrieren zu gehen und die ganze kommende Woche darauf zu warten, welche Konsequenzen mich jetzt ereilen werden. Aber das ist keine Option mehr. Wir gehen jetzt auf die Straße, weil wir keine andere Möglichkeit mehr haben. Wir sind die Generation, die die Konsequenzen eures Handelns tragen werden. Unsere Kinder sind diejenigen, die vielleicht nicht mehr auf dieser Erde leben werden können.

Es geht nicht darum, ob Schüler*innen streiken “dürfen”, oder ob das als schwänzen gilt, es geht nicht darum, ob wir zu viel Stoff verpassen oder ob das Demonstrieren nur eine Ausrede ist, um nicht in die Schule gehen zu müssen. Die Frage ist nicht, wie die Kultusministerien mit den streikenden Schüler”innen umgehen und welche Konsequenzen angemessen sind. Es geht darum, endlich zu handeln und gegen den Klimawandel, die größte Bedrohung der Menschheit, vorzugehen.

Die Zeit des Handelns ist jetzt, die Jahrzehnte des Nicht-Handelns haben uns keine andere Wahl mehr gelassen.
Wir – müssen – streiken, bis ihr handelt.