Warum es den Feminismus immer noch geben muss und warum wir diese Bewegung nicht einfach zum “Humanismus” machen können & dürfen.

cn: sexuelle / körperliche Gewalt, TERFs

Diskutierst du mit anderen Menschen über Themen wie die Frauen*quote wirst du sehr bald gefragt, ob du eigentlich Feminist*in bist. Bejahst du diese Frage folgt darauf meist eine hitzige Diskussion darüber, ob wir Feminismus denn heutzutage eigentlich wirklich noch brauchen würden. Ob Frauen* nicht mittlerweile mehr Privilegien und Rechte hätten als Männer*, ob wir denn nicht schon lange gleichberechtigt sind.

Die Antwort darauf ist ganz klar: Nein, sind wir nicht. Ja, wir brauchen den Feminismus noch.

Aber was genau ist denn jetzt eigentlich „Der Feminismus“?

Es ist wichtig zu wissen, dass Feminist*in zu sein nicht nur bedeutet, sich für weiße cis hetero Frauen einzusetzen. Feminismus heute, im 21sten Jahrhundert, heißt, sich für Frauen*, das heißt sich für Transfrauen genauso wie für Cisfrauen und Enbies einzusetzen. Für schwarze Frauen*, für women* of color. Für homosexuelle Frauen* und für bisexuelle Frauen*. Für Frauen* die Karriere machen und keine Kinder wollen, für Frauen* die Karriere machen wollen und Kinder haben, für Frauen* die nicht arbeiten, weil sie sich völlig auf ihre Kinder konzentrieren möchten.

Ein Feminismus, der nicht alle Frauen* beinhaltet, ist kein echter Feminismus.

Als weiße cis Feministin ist es meine Aufgabe, mir meiner Privilegien bewusst zu sein, mich darüber aufzuklären und mich für all jene Frauen* einzusetzen, die diese Privilegien nicht haben. Dazu gehört auch, innerhalb der Bewegung in den Diskurs zu treten, wenn es um White Privilege geht, um rassistische Strukturen in Deutschland, davon, wie viel stärker nichtweiße Frauen* von Sexismus und Diskriminierung betroffen sind.

Intersektionale Feminist*in zu sein heißt, anzuerkennen, dass, auch wenn Frauen* als gesamte Gruppe Diskriminierung und Sexismus ausgesetzt sind, es kleinere Gruppen an Frauen* in der Bewegung gibt, die noch mehr Schutz und Aufmerksamkeit benötigen, als du selbst es vielleicht tust.

Aber wieso heißt es denn jetzt „Feminismus“ und nicht „Humanismus“? 

Das Prinzip des intersektionalen Feminismus, dem bewusst ist, welche Gruppierungen mehr Schutz und Stärkung benötigen, lässt sich direkt auf unsere gesamte Gesellschaft übertragen. Um vollkommene Gleichberechtigung und im Endeffekt auch Gleichstellung aller Geschlechter zu erreichen, ist es wichtig, dort anzusetzen, wo Handlungsbedarf besteht. Das heißt zum Einen dafür zu sorgen, dass es für gleiche Arbeit gleichen Lohn gibt und dass es Schutzräume für Frauen*, die Opfer sexueller Belästigung geworden sind, gibt. Das heißt aber zum Anderen auch, dass wir mithelfen, Frauen* in Führungspositionen zu bringen, dass Care-Arbeit nicht mehr größtenteils von Frauen* erledigt wird und dass typische „Frauenberufe“ wie Pfleger*in oder Kindergärtner*in besser bezahlt werden müssen – und auch Männer* aktiv dazu ermutigt werden, diese Berufe zu ergreifen.

Wir achten darauf, besonders gefährdete oder besonders benachteiligte Gruppen besonders unterstützen und stärken. Das heißt unter anderem, dass wir Transfrauen anerkennen und die Bewegung nicht durch Dispute darüber, ob sie echte Frauen (btw: Ja, sind sie) sind, spalten. 

Frauen*, egal ob sie cis sind oder nicht leiden unter patriarchalen Strukturen, wenn sie nicht cis sind sind sie zusätzlich dazu noch zahlreichen weiteren Repressalien ausgesetzt. 

Intersektionaler Feminismus heißt aber auch, dass wir Männern* die unter dem Patriarchat teils genauso leiden, den Rücken stärken. Dass wir versuchen, Geschlechterstereotypen aufzuweichen, dass wir versuchen, feminin-codierte Eigenschaften positiv zu bewerten und von ihrer Geschlechterrolle zu lösen um somit zu verhindern, dass Männer* beispielsweise dafür verurteilt werden, dass sie Gefühle zeigen.

Dennoch liegt unser Hauptaugenmerk noch immer auf der Stärkung von Frauen*. Warum? 

Es ist im Grunde ein recht einfaches Prinzip: Wir fangen dort an, wo es am schlimmsten ist. Frauen* leiden am stärksten unter dem Patriarchat. Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, Diskriminierung bei der Jobsuche und der Bezahlung, ganz zu schweigen von den ohnehin schon ungleichen Startbedingungen, mit denen Kinder ins Leben starten.

Wir teilen unseren Nachwuchs schon von klein auf in die beiden Kategorien „mit Penis“ und „ohne Penis“ auf.

Basierend darauf ziehen wir ihnen unterschiedliche Farben an, kaufen unterschiedliches Spielzeug. Sagen „Du heulst wie ein Mädchen“ oder „Du bist doch kein Junge!“. Bringen den Kindern „ohne Penis“ bei, keinen Platz im öffentlichen Raum einzunehmen, immer mit überschlagenen Beinen zu sitzen, sich zu melden, höflich zu sein. Sagen „Es sind halt Jungs“ wenn sich wieder zwei Kinder „mit Penis“ prügeln oder schon im Kindergarten das „Nein“ nicht akzeptiert wird und Küsse „gestohlen“ – also aufgezwungen – werden.

Und dann, Jahre später wundern wir uns, wieso in Europa jedes dritte Mädchen* über 15 Jahren schon einmal Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt geworden ist. Warum Täter meistens Wiederholungstäter werden, warum Frauen* sich alleine im Dunkeln oft nicht sicher fühlen.

Rape Culture ist einer der wichtigsten Gründe, warum es Feminismus heißen muss und nicht Humanismus. „Aber ihr behauptet doch, ihr setzt euch für die Bedürfnisse aller Menschen ein?!“ Ja. Tun wir auch. Aber diese Bewegung in „Humanismus“ umzubenennen würde heißen, die speziellen Bedürfnisse von Frauen* zu ignorieren. 

Heterosexuelle Cismänner sind in unserer gesamten Gesellschaft das Zentrum der Wahrnehmung, der Prototyp des Menschen.

Eine Bewegung, die sich erstmals speziell auf die Bedürfnisse von Frauen* fokussiert, wirkt oftmals wie eine Bedrohung für diesen Typ Mann. Weil er es nicht gewöhnt ist, einmal nicht inkludiert zu werden. Er ist zwar Ursache und gleichzeitig Produkt des Patriarchats, tatsächlich geht es aber einfach nicht um ihn. Dieser Typ Mann muss sich seiner Privilegien bewusst werden und einsehen, dass immer dort angesetzt werden muss, wo die größte Notwendigkeit besteht. 

Den Feminismus zum Humanismus zu machen würde bedeuten, diesen Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, und das nicht auf die positive Art und Weise. Er würde die Existenz von Sexismus und geschlechtsbasierter Diskriminierung einfach leugnen und wäre ein Schlag ins Gesicht aller Frauen*, die unter patriarchalen Strukturen leiden – also in das aller Frauen*.

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