Krise als „Chance“ oder auch „Geht es noch elitärer?“

Krise als „Chance“ oder auch „Geht es noch elitärer?“

Zahlreiche E-Mail-Newsletter weisen mich darauf hin: „10 Tipps, die Zeit zuhause produktiv nutzen zu können“, „Was Sie schon längst hätten erledigen sollen und jetzt endlich erledigen können“, „Langeweile zuhause? Das muss nicht sein – mit unseren 5 Tipps laufen Sie zu neuen Höchstformen auf“, oder auch – mein persönlicher Liebling – „Nutzen Sie die Zeit um ihr eigenes/n Business / Podcast / Youtube-Kanal zu starten!“

Eine Pandemie bricht aus, Millionen Menschen fürchten um ihre Existenzgrundlage, Unternehmen stehen vor dem Ruin, ihre Angestellten vor der Arbeitslosigkeit und Eltern vor der Verzweiflung. Corona stellt uns alle vor individuelle Herausforderungen, sei es die Betreuung der Kinder während der gleichzeitigen Arbeit im Home-Office oder „normal“ im Büro, Krankenhaus oder Einzelhandel; sei es der Lagerkoller der sich schon nach den ersten paar Tagen in der eigenen Wohnung bemerkbar macht, sei es die Depression die sich aus der dunklen Ecke unseres Gehirns klammheimlich hervorschleicht um uns dann zu einem apathischen Dasein im Bett zu verbannen oder Panikattacken angesichts der Gesamtsituation auszulösen.

Doch während all diese Lebensrealitäten nebeneinander existieren sind ein paar privilegierte Menschen damit beschäftigt, sich selbst weiter zu optimieren und der Welt dabei zuzurufen, dass du, wenn du während der Quarantäne nicht endlich dein eigenes Unternehmen aufgebaut, dein Buch geschrieben oder Sport gemacht hast, nie zu wenig Zeit hattest, sondern einfach nur nicht genügend Disziplin.

Große Verlagshäuser verkaufen Corona als „Chance“ für Wirtschaft, Schulen und Privatpersonen – Egal ob es dabei um Digitalisierung, neue Arbeitskonzepte oder Selbstoptimierung geht. Diese Art des Framings verschleiert Lebensrealitäten und fokussiert sich dabei – mal wieder – auf die obere Mittelschicht sowie die Oberschicht, die ohne Zukunftsängste ihr Gehalt normal weitergezahlt bekommt und die Kontaktsperre in ihrer Eigentumswohnung mit Garten aussitzen können. Dieses Framing täuscht darüber hinweg, wie viele Menschen diese Krise in eine existenzbedrohliche Situation stürzt, sei es finanziell, gesundheitlich oder mental. Wenn Menschen nun mehr Zeit haben ist das wunderbar und ich freue mich für jeden einzelnen und jede einzelne, der*die aus dieser Situation tatsächlich etwas positives mitnehmen kann. Für den Großteil der Bevölkerung ist das allerdings nicht der Fall. Krise kann auch einfach mal Krise sein.

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