Früher war sogar die Zukunft besser

Kennt ihr das auch, diese Momente wenn wieder einmal jemand weit jenseits der 60 sagt:
„Ja früher, da war alles besser“
und ihr euch fragt, was ihr euch jetzt wieder anhören müsst.
Ihr verdrückt euch dann einfach nur gequält das „Einfach mal die Klappe halten?“ 
und macht euch bereit, eure Ohren für die nächsten zehn Minuten auf Durchzug zu
schalten.
Ihr hört euch an,
was früher alles besser war, als man noch alle hieß und frau das mit sich machen ließ,
als die Jugendlichen noch Anstand hatten und nicht wie Ratten an
festen Fundamenten nagten, unrealistische Ideale jagten
oder durch Streiks Politiker plagten, während diese in Marmorgebäuden tagten
und darüber sprachen
wie man unsere Zukunft am besten ignorieren und
die öffentliche Meinung kontrollieren konnte, möglichst ohne was zu reformieren.
Nein, früher, da tat mensch was er sollte,
Kinder kriegte frau allerspätestens mit dreißig,
mann arbeitete fleißig oder behauptete das zumindest,
wenn er abends nach Hause kam
und sich aufregte,
warum das Essen noch nicht auf dem Tisch stand,
schließlich hatte frau ja nichts besseres zu tun als gespannt
auf ihn zu warten und falls dieser einmal früher heimkam,
eine Ausrede zu finden und
in die Küche zu verschwinden.
Früher, ja da
waren Kinder noch wichtig,
mensch lernte sich nicht auf Tinder kennen,
sondern im richtigen Leben
und den Segen der Kirche erhielten nur richtige Paare,
und jetzt, Jahre später können sogar diese diese diese andren da heiraten.
Ja was denn, das wird man ja wohl noch sagen dürfen,
und dann platzt dem Unschuldsbürger gleich der Kragen vor so viel political correctness,
nichts
darf man mehr, alles ist verboten und diese Idioten in der Regierung
machen auch nur leere Versprechen, lassen sich dann bestehen und belächeln den
armen Bürger
von oben während sie sich selbst für ihre Ideen loben –
und sowas gab schlicht und einfach es früher nicht!
also zumindest sagen sie das immer und
es stimmt schon, früher war so manches besser,
denn früher war die Welt noch in Ordnung
es gab Kinderserien wie Löwenzahn oder die Sendung mit der Maus
und heutzutage schrein alle nur „Ausländer raus”
weil wir ja keine anderen Probleme haben
aber trotzdem hat jeder Möchtegernweltverbesserer ja hier was zu sagen und das
schlimmste,
ja das schlimmste daran ist,
dass die Menschen nicht einmal den Weltverbesserern zuhören sondern den
Ich-nehm-mir-die-Welt-und-die-anderen-sind-schuld-wenns-nicht-funktioniert-sagern
gegen die man nichts tun kann oder will
denn es ist ja so viel bequemer, einfach nichts zu tun,
zuzusehen wie alles den Bach runtergeht
bis die Welt aus unbewohnbaren Wüsten besteht,
jede Aussicht auf Besserung vergeht,
und dann zu sagen: „Ich hab das alles nicht gewusst.“
Ja ist schon klar, dass du das nicht wusstest,
wenn deine einzige Informationsmedien Snapchat und Instagram waren,
oder eben Zeitungen, bei denen du sofort „LÜGENPRESSE“ geschrien hast,
sobald dir was nicht gepasst hat,
du fast alle deine Morgen, Nachmittage und Abende damit verbracht hast,
Serien zu bingen auch wenn Netflix dich sowieso freundlicherweise alle zwei Stunden
gefragt hat
„Bist du noch wach?“
Und ich mich frage: „Warst du je wach?“
Waren wir je wach wenn wir an diesem Punkt angelangen konnten,
an dem wir uns weiterhin unter Ozonlöchern sonnten,
ohne nach den Konsequenzen zu fragen,
und wir bis jetzt nichts getan haben?
Klar, jetzt können wir immer noch sagen: „Wir haben das alles nicht gewusst“
aber es ist halt einfach gelogen.
Wir wissen Bescheid, wissen es schon so lange und doch interessieren wir uns nur für
andere Belange, die eigentlich so belang-los sind.
Aber das ist egal, denn „Geld regiert die Welt“
und wir lassen es regieren,
denn wer will denn etwas ändern,
wenn man keinen Profit daraus schlagen kann –
vertagen wir doch den Moment in dem wir uns endlich mit dem Problem befassen –
in dem vollen Bewusstsein, dass kommende Generationen uns hassen werden,
wenn wegen uns Arten sterben, Pole schmelzen und Städte versinken
während wir uns jedes Wochenende besinnungslos trinken
anstatt uns mit der Realität zu auseinanderzusetzen.
Die Frage ist nur, warum das so ist,
weil wir „es nicht gewusst“ haben oder es nicht wissen wollten,
weil wir es wussten und es uns egal war
oder weil es einfach bequemer war, Jahr für Jahr zu sagen:
„Quatsch, gibt es nicht, haben die anderen erfunden“ oder „Ich war gerade da und da
und da, da lag noch Schnee und das, das ist der Beweis, dass es den Klimawandel nicht
gibt!“
und somit Bequemlichkeit über gesunden Menschenverstand siegt,
weil wir sie siegen lassen.
Jedes Mal wenn jemand sagt: „Ja früher, da war alles besser“
will ich erst einmal lachen.
Und dann, dann denke ich an diese eine Sache, die früher einfach besser war.
Und ob das wahr ist oder nicht, das liegt an uns
Denn, früher war sogar die Zukunft besser. –
Da hatten sie nämlich noch eine.

Kämpfen wir für unsere?

Es lohnt sich, nicht aufzugeben

Ich weiß ich weiß, es ist so viel einfacher, einfach aufzugeben, einfach im Bett liegen zu bleiben anstatt wirklich das zu tun, was man ursprünglich einmal wollte.

Noch einfacher als aufzugeben ist es allerdings, gar nicht erst anzufangen, weil man sowieso davon überzeugt ist, dass man es gar nicht schaffen kann, selbst wenn man es noch so sehr versuchen würde. Diese Einstellung ist das, was uns von unseren Träumen trennt, was sie dazu verdammt, auf ewig ein Traum zu bleiben, anstatt zur Realität zu werden.

Vor circa 6 Monaten, genauer gesagt im April, habe ich wieder begonnen zu Laufen, ursprünglich deshalb, weil mein Arzt mir das zur Migränevorbeugung so verordnet hatte. Und ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich festgestellt, dass ich im Laufen eigentlich gar nicht so schlecht bin…. und dann habe ich mir ein Ziel gesetzt: Einen Halbmarathon zu laufen.

Gesagt, angemeldet und dann realisiert, was ich mir da eigentlich vorgenommen hatte. Was auf mich zu kam war eine lange Trainingsphase, da es von 3km leider noch ein langer Weg bis zu den 21km war. Während dieser Trainingsphase war ich so oft so kurz davor, einfach hinzuschmeißen, einfach aufzugeben. Morgens um 5.00 Uhr aufzustehen, um Laufen zu gehen, ein Treffen mit Freunden ausfallen lassen, um Laufen zu gehen, nicht mehr wegzugehen – und wenn doch, dann nüchtern zu bleiben – um am nächsten Tag Laufen zu gehen.

Komische Blicke von anderen kassieren, weil man Dinge ablehnt, manche Sachen nicht mehr isst, plötzlich Proteinshakes in der Schule dabeihat oder die Schokolade ablehnt, um dann seine Haferflocken zu essen – Mittlerweile komplett normal.

Und jetzt, zwei Wochen nachdem ich das erste Rennen meines Lebens gelaufen bin, fühlt es sich plötzlich verdammt seltsam an, kein festes Ziel mehr vor Augen zu haben. Da fragt man sich dann im Nachhinein, wofür man das Ganze jetzt eigentlich gemacht hat.

Und dann, dann erinnert man sich an das erste Mal in der Sportumkleide zurück, als dich jemand neidisch ansah und dann anmerkte dass man das ja “krass sieht, dass du jetzt so viel Sport machst.” Du erinnerst dich an das Gefühl, wie es war, diese Distanz zum ersten Mal geschafft zu haben, seine alte persönliche Bestzeit zu schlagen. Du erinnerst dich an die Gespräche mit Gleichgesinnten, die alle irgendwie schneller Laufen können als du, die dich aber trotzdem verstehen und deine Leidenschaft teilen. Du erinnerst dich an den netten Nike-Mitarbeiter, der dir geholfen hat, neue Schuhe zu finden und an das Gefühl, zum ersten Mal darin zu laufen. Du erinnerst dich daran, wie es war, über die Ziellinie zu stolpern, etwas geschafft zu haben, dass du nur für dich selbst getan hast.

Das sind die Momente, in denen du realisierst, dass du das Laufen für nichts in der Welt wieder aufgeben möchtest.

Ein Appell.

“Wir sind das Volk” – Ein Satz, den man in letzter Zeit oft liest und hört, sei es in den Zeitungen, in Videos oder in Diskussionen mit Menschen verschiedenster Ansichten. Sie sind sich alle einig, sie sind das Volk, sie sind die Mehrheit und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt.

Ich bin anderer Meinung (Große Überraschung, ich weiß.)
Aber so ist es nun mal in einer Demokratie, Menschen verschiedenster Ansichten müssen sich irgendwie einigen, diskutieren und sich miteinander austauschen.
Diese Diskussionen sind nicht immer sinnvoll und meistens kosten sie viel Zeit und Energie, Dinge, die viele Menschen in dieser Zeit nicht wirklich haben. Trotzdem ist es wichtig, sich einzusetzen, nicht einfach zu schweigen, weil es bequemer ist, weil man sich keine Feinde machen oder es sich mit dem Kollegen / Freund / Bekannten nicht verscherzen möchte. Aber wir können nicht mehr einfach still sitzen bleiben, während europäische Werte durch rechte Parolen mit Füßen getreten werden und unsere Gesellschaft, unsere Sprache mehr und mehr verroht und menschenverachtende Aussagen wieder salonfähig gemacht werden.

Es ist Zeit, aufzustehen. Sich einzusetzen für die Werte, die uns, die Deutschland und Europa ausmachen. Mitmenschlichkeit, Solidarität und unsere Fähigkeit, Kompromisse zu finden. Es ist Zeit, die Straßen nicht länger denen zu überlassen, die schreien “Wir sind das Volk”, denn das sind sie nicht.
Deutschland ist bunt, laut, vielfältig und nicht immer einer Meinung.

Wir nicht zulassen, dass eine Minderheit sich benimmt, als wäre sie die Mehrheit, dass eine kleine Gruppe von Menschen die gesellschaftliche Debatte bestimmt und alles anzweifelt, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Es ist Zeit, aufzustehen.

Achtung, linksgrünversifft.

Wenn ich an Deutschland denke, dann fallen mir immer zuerst unsere Werte ein, Werte auf die ich stolz bin und die ich mittlerweile jeden Tag aufs Neue verteidigen muss. Offenheit, Toleranz, Akzeptanz und Menschlichkeit.

Dinge, die eigentlich einmal selbstverständlich waren, oder es zumindest einmal sein sollten. Und dann, dann lese ich mir die Artikel über Chemnitz durch, über den neuesten Aufmarsch der Nazis, der nun wirklich niemanden abgesehen von der sächsischen Polizei überrascht hat. Über einen wütenden Mob, der Menschen gejagt hat, die nicht ihrem Bild eines “Deutschen” entsprochen haben, über Medien, die die Ausschreitungen und Jagdszenen als “immigrationskritische Demonstrationen” bezeichnet haben und die ganze Situation als ein Gegenüberstehen von “extremen Lagern”.

Nein. Nein, es sind keine “extremen” Lager, es ist nicht extrem, gegen Ausländerhass, gegen Rassismus, gegen Nazis zu sein, es ist normal. Wer diese Demonstrationen als “linke und rechte” Aufmärsche verharmlost, der macht es normal, Dinge wie “Deutschland den Deutschen” zu skandieren und ganz offen den Hitlergruß zu zeigen, sowie Jagd auf “ausländisch Aussehende” zu machen.

Wenn Journalisten sich aus Angst vor den rechten Demonstranten nicht mehr trauen, ihre Arbeit zu machen, der gleiche Sender dann aber nur von “rechten und linken Demonstrationen” berichtet, dann ist auch dort etwas schief gelaufen. Ich komme nicht um das Gefühl herum, dass nicht nur unsere Politik, sondern auch unsere Polizei und Presse auf dem rechten Auge blind ist.

Chemnitz, diese Ausschreitungen, diese Hetzjagd ist ein direktes Resultat aus dem ewigen “Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen” und den immer weiter rechtsaußen positionierten Politikern, die in Talkshows eingeladen werden und ganz ungestraft ihre Theorien von “alimentierten Messerstechern” – so wie Alice Weidel im Bundestag – verbreiten dürfen.

Dinge, die sich gut anfühlen.

Wisst ihr, was sich gut anfühlt?
Wenn man nicht nur für sich selbst einen gesunden Lebensstil lebt, Sport macht, gesund isst etc, sondern auch, wenn man das mit anderen teilt und andere Menschen dazu inspiriert, Dinge in ihrem Leben zu ändern.

Mittlerweile vergeht fast keine Woche, in der ich nicht auf meinem Instagram einen lieben Kommentar bekomme, in der mir eine Person sagt, dass ich sie motiviert habe, ich bekomme etliche DMs mit der bitte nach Rezepten und Tipps für ihren ersten Lauf, mit der Frage, wie man sich motiviert, so früh aufzustehen.

Ich weiß nicht, wie oft ich seltsam dafür angeschaut werde oder jemand verständnislos nachfragt, warum ich das alles im Internet teile, warum ich mir die Mühe mache und mich so präsentiere. Vielleicht nerve ich einige Menschen sogar damit, jemand hat mir mal gesagt, er könne jetzt gar nicht mehr ohne schlechtes Gewissen auf der Couch rumliegen, wenn er meine Instastories sieht und bemerkt, wie viel Sport ich schon wieder mache.

Für mich sind all diese Reaktionen, all dieses Feedback so etwas tolles und es zeigt mir dass es sich lohnt, Dinge zu teilen, von denen man begeistert ist. Es lohnt sich Leute, also fangt damit an.

Wenn ihr nur eine einzige Person davon überzeugen könnt, etwas neues auszuprobieren, dann hat es sich schon gelohnt.

Dieses Mal aber wirklich

Sommerferien – Ein Neuanfang, wie immer

Jedes Jahr aufs Neue wenn die Sommerferien beginnen, nehme ich mir 1000 Dinge vor, die auf jeden Fall in diesem Sommer gemacht werden müssen, auch wenn ich am Ende meistens nicht einmal die Hälfte davon tatsächlich mache.

Gut, diese Ferien haben eher schlecht begonnen, gleich nachdem ich meine obligatorische Liste geschrieben habe, lag ich einen ganzen Tag krank im Bett, aber jetzt, endlich gesund,  bin ich wieder topmotiviert, die Dinge endlich anzupacken. Immerhin, es sind die letzten Sommerferien meines Lebens, danach kommt schon das Abitur und dann gibt es auch nur noch Semesterferien.

Letzte Gelegenheiten sind die besten Möglichkeiten, Dinge endlich einmal wirklich durchzuziehen – schließlich ist es tatsächlich die letzte Chance, es endlich einmal zu schaffen.

Ein paar Dinge, die ich euch mitgeben will, die mir diesen Sommer helfen, all das zu tun, was ich mir vorgenommen habe:

  1. Listen schreiben
    Es ist so viel einfacher, Ziele zu erfüllen, wenn man sie schwarz auf weiß vor sich sieht und man muss sich schon einmal damit befassen, was man überhaupt mit seiner Zeit anfangen will. 
  2. Verfolge täglich deine Ziele
    Wie du das machst ist eigentlich egal, ich mache es immer in Form eines Trackers, in dem ich jeden Tag anstreiche, welche meiner vorgenommenen Tätigkeiten ich erledigt habe
  3. Früh aufstehen
    Stell dir deinen Wecker so weit entfernt vom Bett wie nur möglich – und wehe du legst dich wieder hin, sobald du einmal wach bist!
  4. Erinnere dich daran, warum du eine Sache tun möchtest
    Ist es, weil du endlich wieder gesünder leben möchtest? Weil du nächsten Sommer nach Frankreich fahren willst und bis dahin endlich die Sprache beherrschen möchtest? Vollkommen egal, wie doof der Grund klingt, hauptsache er motiviert dich.
  5. Glaub an dich
    Wenn du nicht an deinen Erfolg glaubst, wer dann?

Genug mit dem motivierenden Gerede, ich habe heute noch ein paar Dinge zu tun, schließlich habe ich nur noch diese Sommerferien Zeit, Swift zu lernen, für den Halbmarathon zu trainieren, zu zeichnen und auf Berge zu klettern.

Die Andere

// Der dritte Teil; hier gehts zum Ersten. //

Sie liebte ihren Bruder, auch wenn sie das vor ihren Freunden niemals zugegeben hätte. Alles, was Familie betraf, wurde dort mit dem Adjektiv „uncool“ versehen, denn niemand ihrer Freunde hatte ein besonders gutes Verhältnis mit ihren Eltern. Sie mochte ihren Freundeskreis, wirklich, schließlich hatte sie auch lange genug dafür gekämpft, ein Teil davon zu werden. Früher, da war sie das uncoole Mädchen gewesen, mit dem niemand befreundet hatte sein wollen. Sie hatte sich oft selbst deswegen fertiggemacht, sie dachte es läge an ihrem Charakter, an ihrer Art, dass niemand sie als Freundin haben wollte. Hätte sie doch damals schon gewusst, wie oberflächlich die Welt tatsächlich war. Die gesamte Grundschule über saß sie jede Pause allein unter einem Baum und vergrub ihre Nase in einem Buch, was ihr den Spitznamen „Bücherwurm“ eingebracht hatte. Nach einer Weile versuchte sie nicht einmal mehr, bei den Spielen der anderen Kinder mitzuspielen, es wollte sie sowieso niemand dabei haben. Und dann endlich, als sie zwölf geworden war, hatte sie die Schule gewechselt und es hatte sich alles geändert. Den Sommer hatte sie damit verbracht, sich neue Klamotten zu kaufen, alle „Mädchenzeitschriften“ die sie finden konnte, zu lesen und zu lernen, wie man „cool“ war. Und dann, nach dem Sommer wurde es irgendwie anders. Einerseits freute sie sich darüber, endlich dazuzugehören, Freunde zu haben, andererseits fühlte es sich wie ein Verrat an sich selbst an. Sie las nicht mehr jeden Tag unter diesem einen Baum im Park neben der Schule, nur manchmal blickte sie ihn im Vorbeigehen ein wenig zu lange an. Mittlerweile saßen andere Personen dort, je nach Tag und Uhrzeit jemand anderes, es fühlte sich an, als wäre ihr ihr Platz weggenommen worden. Im Verlauf der Jahre beobachtete sie, wie jemand anderes ihren Platz zu dem ihren machte. Es war ein eher kleines, zierliches Mädchen, das meistens in irgendein Buch versunken schien, doch so genau wusste sie es auch wieder nicht. Sie wollte niemanden Fremden anstarren und so blieb sie nur dann dort stehen, in Gedanken versunken, wenn niemand anderes dort saß – Zumindest so lange, bis einer ihrer Freunde nach ihr rief, und sie schnell weiterging, den bitteren Geschmack der Erinnerungen an die Zeit, in der der Platz unter der alten Eiche noch der ihrer gewesen war, unterdrückend. Hin und wieder, wenn es sie aus irgendeinem Grund auf den Dachboden verschlug, kam es ihr so vor, als würden die alten Kisten mit ihren Büchern sie vorwurfsvoll anstarren. Die Erinnerungen an ihre Kindheit und an die anderen Welten, in die sie sich damals flüchten konnte, überkamen sie jedes Mal, wenn sie dort oben war. Sie hatte die riesigen Bücherregale gegen kleine Regalbretter mit dekorativen Gegenständen eingetauscht. Manchmal hatte sie das Gefühl, niemand ihrer zahlreichen Freunde kannte sie tatsächlich, sie wussten ja doch nur das, was sie bereit war, ihnen zu zeigen. Sie wussten alle nichts davon, wer sie unter der Maske war, die sie jeden Morgen aus Makeup und Haargel neu formte. Das Einzige, was sie nicht komplett verloren hatte, war ihr Style, der sich auch durch die hundertste Zeitschrift nicht an Trends und an Dinge, die „typisch“ für Mädchen waren, anpassen hatte lassen. Am liebsten trug sie lange, dunkle Hosen, flache Schuhe und ein Hemd oder eine schlichte Bluse, sie konnte nichts mit all den Details anfangen, die die meisten Frauenklamotten zierten. Sie war eine recht unauffällige Person, die genau dadurch, dass sie sich nicht immer ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellte, auffiel. Es war nicht allzu schwer, unauffällig zu bleiben, da alle Personen um sie herum gleich waren, nach Aufmerksamkeit lechzten und mit allen Mitteln versuchten, diese zu bekommen. Es war egal, welche Art von Aufmerksamkeit; Bewunderung, Abneigung oder stilles Verurteilen, Hauptsache, sie wurden bemerkt. Sie ließ sich einfach mit ihren Freunden treiben, verbrachte Nachmittage an der Spree oder auf den Dächern von Hochhäusern, illegal oder legal, sie machte eigentlich alles mit, einfach nur, um dazuzugehören. Ihre Freunde waren wie ihr zweites Zuhause, auch wenn sie nicht genau wusste, wo das erste war.

Er

// Der zweite Teil; zum ersten geht es hier. //

Er beobachtete sie oft von fern und sah einmal, wie sie eine dieser beschriebenen Seiten mit verzerrtem Gesicht ausriss und wegwarf, und, rein zufällig natürlich, ging er später an eben jenem Mülleimer vorbei und fischte die liniierte und eng beschriebene Seite heraus. Er war zwar erst zwölf Jahre alt und doch verstand er mehr von der Welt um ihn herum, als den meisten Erwachsenen lieb war. Zum Beispiel wusste er, dass jegliche Art von Imperfektion in dieser Gesellschaft nicht einfach übersehen wurde, sondern mit allen Mitteln wegtherapiert wurde. Für seine LehrerInnen und nicht zuletzt auch seine Eltern war es nicht akzeptabel, dass er einfach nicht so schnell las, wie andere Kinder in seinem Alter und noch weniger, dass er so still war, nicht so viel draußen herumrannte, wie andere Kinder. Wie er diesen Begriff hasste, die „anderen Kinder“. Eigentlich mochte er die Kinder in seinem Alter, auch wenn viele von ihnen nicht allzu nett zu ihm waren. Trotzdem hatte er einen Freund, er war klein, ein wenig rundlicher als „andere Kinder“ und trug eine kleine, kreisrunde Brille, die ihn immer ein wenig an Harry Potter erinnerte. Samuel, so hieß er, gefiel dieser Spitzname, schließlich war Harry Potter eine seiner Lieblingsbuchserien und Kindheitshelden. Früher, als sie kleiner gewesen waren, spielten sie oft Szenen aus den Büchern nach, wobei er selbst meist die Rolle von Hermine eingenommen hatte, während Samuel Harry spielte. Samuel sagte, das passte einfach, wegen der Brille und überhaupt. Er traf sich trotzdem nicht oft mit Samuel, er war eigentlich ganz glücklich damit, allein zu sein. 

Seine Eltern sagten, er sollte mehr rausgehen, fröhlicher sein, mehr lesen, mehr reden, mehr von allem einfach. Hauptsache er war weniger ruhig, las besser, sprach mehr, machte einfach alles besser. Es war ihnen unheimlich, dass er oft stundenlang einfach nur dasitzen konnte, und in die Luft starrte. Um ehrlich zu sein starrte er nicht einfach nur in die Luft, er beobachtete seine Umgebung, die Grashalme, die sich so synchron im Wind bewegten, die Menschen, die scheinbar alle durch ihr Leben hetzten, zumindest waren die Wenigsten in einem eher langsameren Gehtempo unterwegs und wenn, dann machten sie unglückliche Gesichter. Unter all den Dingen und Personen, die er Tag für Tag beobachtete, fiel sie ihm immer wieder auf. Nicht durch ihr außergewöhnliches Äußeres, eher durch ihre scheinbare Bewegungslosigkeit, in einer Welt in der alles so schnell ging. Während Andere durch die Gegend liefen, fuhren oder gingen, saß sie einfach immer weiter nur da, das Einzige, das sich bewegte, war ihr mitternachtsblauer Füller, der das Buch nach und nach mit tiefschwarzen Buchstaben füllte, eine Seite nach der anderen. Bis auf heute, heute war es anders gewesen. Heute riss sie beinahe so viele Seiten aus, wie sie beschrieben hatte und er konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen. Nachdem sie den Park verlassen hatte, ging er an dem Mülleimer vorbei, in welchen sie die eng beschriebenen Seiten geworfen hatte. Als er nach seinem Tauchgang in den Abfallkübel wieder auftauchte, er musste sich den Weg an mehreren Kaffeebechern und einer Bananenschale vorbei bahnen, merkte er, dass er angestarrt wurde. Auf der anderen Seite des Parks stand eine Gruppe Kinder in seinem Alter, die sich gegenseitig anstießen, auf ihn zeigten und dabei lachten. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, doch er konnte nichts tun, als einfach dazustehen. Hinter ihm ertönte eine Stimme: „Max“ und dann nochmal, diesmal aus geringerer Entfernung: „Max, was machst du da?“ Die Blätter noch immer fest umklammert, drehte er sich zu seiner Schwester um. „N-nichts.“ und dann „Können wir heimgehen?“ Sie blickte ihn misstrauisch an, fragte aber nicht noch einmal nach, was er so fest umklammert hielt, dass seine Knöchel ganz weiß wurden. Auch als sie zuhause angekommen waren, betrachtete er die Blätter noch nicht, sondern glättete zuerst sorgfältig das Papier, faltete sie danach ordentlich zusammen und legte sie in seine kleine Schatztruhe, die Amalia ihm zu seinem sechsten Geburtstag geschenkt hatte. „Für deine Schätze“ hatte sie damals gesagt, und ihm die Haare zerstrubbelt. Obwohl er es hasste, wenn jemand das tat, liebte er seine Schwester abgöttisch. Sie war die Einzige, die nicht versuchte ihn zu ändern, sondern ihn einfach annahm, wie er war. 

In den folgenden Wochen nahm er die Blätter oft aus der kleinen Kiste heraus, doch er faltete sie nie auseinander, um zu erfahren, was sie wohl beinhalteten. Er traute sich lange nicht, die Seiten zu lesen, denn oft, wenn er versuchte einen längeren Text zu verstehen, begannen die Worte vor seinen Augen zu tanzen und zu verschwimmen, bis am Ende ein unverständlicher Buchstabensalat dabei herauskam.

// Hier gehts zum dritten Teil. //