“Heutzutage reicht es für das Abitur, den Taschenrechner bedienen zu können” oder “Wie Menschen, die seit Jahrzehnten in keiner Schule mehr waren, sich ein Urteil bilden.”

Das Matheabitur ist in Bayern jetzt knapp 11 Tage her und noch immer ist die Empörung über den angeblich zu hohen Schwierigkeitsgrad groß. Schüler*innen – und das nicht nur in Bayern – haben Petitionen an ihre jeweiligen Kultusministerien gestartet, die in Bayern wurde bis heute von mehr als 72.000 Menschen unterzeichnet.

Doch während Abiturient*innen sich echauffieren und versuchen zu erklären, was genau denn an den Aufgaben so schwierig war, nehmen viele Journalist*innen dies als Gelegenheit, sich über die “Generation Schneeflocke” lustig zu machen. 
Hans Kratzer titelte in der SZ gar “Matheschwäche gilt heute beinahe als Verdienst” und erfährt damit auch gar nicht mal so wenig Zustimmung. Weiter heißt es bei ihm “Das Abiturzeugnis erhalten nun auch jene, die lediglich den Taschenrechner bedienen können.” und “Das Fach Mathematik wurde im Gymnasium nach und nach auf ein unteres Grundkursniveau heruntergedimmt. Es ist schon längst kein Angstfach mehr, […].”
Angesichts dieser Aussagen muss ich nun doch fragen, wann der werte Hans Kratzer zum letzten Mal den Mathematikunterricht, vor allem den bayerischen, besucht hat. Mathe ist kein Angstfach mehr? Das soll er doch bitte einmal den Schüler*innen erzählen, die regelmäßig beim Gedanken an das Matheabitur in Tränen ausgebrochen sind.

Bei großen Teilen der Debatte frage ich mich, ob die Journalist*innen und Politiker*innen sowie die selbsternannten Spezialist*innen nicht doch den Kernpunkt verfehlen. Viele große Medienhäuser, die über das Abitur berichteten, ließen einige Aufgaben vorrechnen, bekleckterten sich dabei allerdings nicht mit Ruhm, was die journalistische Sorgfaltspflicht betrifft.
Die SZ beispielsweise ließ einen ihrer Redakteure eine Aufgabe vorrechnen und untertitelte das mit “Wer die Aufgaben allerdings nachrechnet, merkt sehr schnell: Das war alles machbar.” Welche Aufgabe sie vorgerechnet haben? Die einfachste. So einfach kann mensch es sich natürlich auch machen.

Es ist aber auch viel einfacher, die Abiturient*innen als sensible Schneeflocken darzustellen, anstatt über das eigentliche Problem zu sprechen: Das Abitur ist ungerecht und das nicht nur in Bayern sondern in ganz Deutschland. Ungerecht, da das Elternhaus immer mehr über den schulischen Erfolg bestimmt, ungerecht, da jedes Bundesland unterschiedliche Anforderungen an seine Abiturient*innen stellt, ungerecht, da die verschiedenen Abiture nicht miteinander verglichen werden können.

Aber ja, ich kann verstehen, dass mensch die Beschwerden der Abiturient*innen lieber ins Lächerliche zieht (wie z.B. mit der Ankündigung von “Mondays für Abitur”) anstatt sich mit den eigentlichen Problemen des deutschen Bildungssystemes auseinanderzusetzen. Oder sind es doch die der 16 deutschen Bildungssysteme?

Ein Appell.

“Wir sind das Volk” – Ein Satz, den man in letzter Zeit oft liest und hört, sei es in den Zeitungen, in Videos oder in Diskussionen mit Menschen verschiedenster Ansichten. Sie sind sich alle einig, sie sind das Volk, sie sind die Mehrheit und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt.

Ich bin anderer Meinung (Große Überraschung, ich weiß.)
Aber so ist es nun mal in einer Demokratie, Menschen verschiedenster Ansichten müssen sich irgendwie einigen, diskutieren und sich miteinander austauschen.
Diese Diskussionen sind nicht immer sinnvoll und meistens kosten sie viel Zeit und Energie, Dinge, die viele Menschen in dieser Zeit nicht wirklich haben. Trotzdem ist es wichtig, sich einzusetzen, nicht einfach zu schweigen, weil es bequemer ist, weil man sich keine Feinde machen oder es sich mit dem Kollegen / Freund / Bekannten nicht verscherzen möchte. Aber wir können nicht mehr einfach still sitzen bleiben, während europäische Werte durch rechte Parolen mit Füßen getreten werden und unsere Gesellschaft, unsere Sprache mehr und mehr verroht und menschenverachtende Aussagen wieder salonfähig gemacht werden.

Es ist Zeit, aufzustehen. Sich einzusetzen für die Werte, die uns, die Deutschland und Europa ausmachen. Mitmenschlichkeit, Solidarität und unsere Fähigkeit, Kompromisse zu finden. Es ist Zeit, die Straßen nicht länger denen zu überlassen, die schreien “Wir sind das Volk”, denn das sind sie nicht.
Deutschland ist bunt, laut, vielfältig und nicht immer einer Meinung.

Wir nicht zulassen, dass eine Minderheit sich benimmt, als wäre sie die Mehrheit, dass eine kleine Gruppe von Menschen die gesellschaftliche Debatte bestimmt und alles anzweifelt, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Es ist Zeit, aufzustehen.