Ein Appell.

“Wir sind das Volk” – Ein Satz, den man in letzter Zeit oft liest und hört, sei es in den Zeitungen, in Videos oder in Diskussionen mit Menschen verschiedenster Ansichten. Sie sind sich alle einig, sie sind das Volk, sie sind die Mehrheit und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt.

Ich bin anderer Meinung (Große Überraschung, ich weiß.)
Aber so ist es nun mal in einer Demokratie, Menschen verschiedenster Ansichten müssen sich irgendwie einigen, diskutieren und sich miteinander austauschen.
Diese Diskussionen sind nicht immer sinnvoll und meistens kosten sie viel Zeit und Energie, Dinge, die viele Menschen in dieser Zeit nicht wirklich haben. Trotzdem ist es wichtig, sich einzusetzen, nicht einfach zu schweigen, weil es bequemer ist, weil man sich keine Feinde machen oder es sich mit dem Kollegen / Freund / Bekannten nicht verscherzen möchte. Aber wir können nicht mehr einfach still sitzen bleiben, während europäische Werte durch rechte Parolen mit Füßen getreten werden und unsere Gesellschaft, unsere Sprache mehr und mehr verroht und menschenverachtende Aussagen wieder salonfähig gemacht werden.

Es ist Zeit, aufzustehen. Sich einzusetzen für die Werte, die uns, die Deutschland und Europa ausmachen. Mitmenschlichkeit, Solidarität und unsere Fähigkeit, Kompromisse zu finden. Es ist Zeit, die Straßen nicht länger denen zu überlassen, die schreien “Wir sind das Volk”, denn das sind sie nicht.
Deutschland ist bunt, laut, vielfältig und nicht immer einer Meinung.

Wir nicht zulassen, dass eine Minderheit sich benimmt, als wäre sie die Mehrheit, dass eine kleine Gruppe von Menschen die gesellschaftliche Debatte bestimmt und alles anzweifelt, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Es ist Zeit, aufzustehen.

Es ist genug, man selbst zu sein

Wenn man Social Media, vor allem Instagram, öffnet verblasst das eigene Leben und an dessen Stelle tritt scheinbare Perfektion. Durchtrainierte Frauen und Männer, perfekte Haare und wunderschönes Makeup, traumhafte Locations in der Karibik, gesunde oder zumindest perfekt angerichtete Mahlzeiten. Alles muss perfekt sein, das Licht, das Outfit, das Essen, das Gesamtbild deines Feeds.

Für eine lange Zeit habe ich keine Bilder von mir selbst auf Instagram gepostet, einfach weil ich keine Fotos hatte, die mit dieser scheinbaren Perfektion Schritt halten konnten. Auch meine Freundinnen und Bekannte hatten ihr perfekt wirkendes Leben auf Instagram dokumentiert, die gefühlt einzige Ausnahme war ich selbst.

Gestern war ein anstrengender, aber wahnsinnig wichtiger Tag für mich. Meine beste Freundin und ich sind mit meiner Kamera losgezogen, mit dem Ziel, Fotos zu machen. Es ist nicht einmal so, als würde ich mich vor einer Kamera unwohl fühlen, auch wenn ich das immer gerne behaupte. Der Punkt war eigentlich immer, dass ich dachte, man könne von mir keine schönen Fotos machen. Weil ich nicht diese langen Haare habe, die im Licht so schön aussehen, weil mein Gesicht nicht so symmetrisch ist, wie das von allen anderen ach so perfekten Menschen in meiner Umgebung. Früher habe ich es gehasst, fotografiert zu werden, sobald irgendwo eine Kamera aufgetaucht ist, habe ich mir die Hände vor mein Gesicht gehalten, um ja kein Bild zuzulassen.

Gestern war das anders, meine beste Freundin hat einige wirklich schöne Bilder von mir gemacht und als ich das erste davon gesehen habe, war ich ein wenig fassungslos. “Ich wusste nicht, dass ich so hübsch aussehen kann” war die erste Reaktion.

Ich frage mich, ob ich damit alleine bin, aber ich bezweifle es um ehrlich zu sein. Es gibt so viele Menschen wie mich da draußen, die nicht das Gefühl haben, “hübsch” zu sein. Klar, innere Werte zählen, Äußerlichkeiten sind unwichtig, aber was wichtig ist, ist Selbstbewusstsein. Und wenn man sich nicht wohl in seiner Haut fühlt, dann leidet man darunter. Wenn man das ganze aber anspricht, dann wird einem meist sofort vorgeworfen, dass man nur Komplimente bekommen möchte. Es gibt sicher solche Menschen, doch die meisten sagen nur ihre ehrliche Meinung.

Ich war immer der Meinung, dass ich einfach durchschnittlich war, nicht besonders hübsch, nicht besonders hässlich, einfach normal. In den letzten Jahren habe ich mehr oder weniger sanft gelernt, dass jeder auf seine eigene Art schön ist, und dass man lernen sollte, sich selbst zu lieben. Deswegen auch das Experiment mit den Fotos, das so viel besser gelaufen ist, als erwartet. Ich bin sehr froh, dass ich das geschafft habe, und es fühlt sich toll an, diese Überwindung aufgebracht zu haben. Denn ich weiß jetzt, dass es meistens genug ist, man selbst zu sein.

Weltfrauentag

Gestern war, wir wissen es alle (war auch kaum übersehbar) Weltfrauentag.

Rossmann hat sich für eine Woche lang in “Rossfrau” umbenannt, 10.000 Rabattaktionen überall, alle feiern Frauen und die Gleichberechtigung des modernen Zeitalters, die Schönheit, die Intelligenz von Frauen, ihre Stärke, Vielseitigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen. Politiker thematisieren plötzlich Gleichstellung und Gleichberechtigung, Konzerne und Geschäfte feiern uns plötzlich als ihre Kundinnen und in all dem Konfetti und den Luftballons und den Reden kommt auch schon der nächste Tag, an dem alle bequem wieder alles vergessen können, gestern war ja schließlich Weltfrauentag, da hat man ja genug getan.

Darf ich mich überhaupt so über diesen Tag aufregen? Eigentlich sollte er doch mein Geschlecht feiern und gleichzeitig dazu genutzt werden, auf bestehende Missstände hinzuweisen. Trotzdem fühle ich mich immer seltsam, wenn man plötzlich so viel darüber liest, wenn ich angesprochen werde, weil “es ist ja Frauentag heute, bedeutet dir das was?”

Die einfache und eigentlich auch naive Antwort wäre: “Nein, außerdem sind diese seltsamen Internationalen Tage der/s ….. auch eigentlich allen egal.” Wenn ich weiter darüber nachdenke ist die Aussage, dass die meisten Menschen sich nicht für so etwas interessieren zwar richtig, aber gleichzeitig denke ich daran, was andere Menschen wohl denken, wenn sie hören, dass heute Weltfrauentag ist. Einer meiner Lehrer kommentierte das mit “Ja mei, lassen wir ihnen doch den einen Tag” und irgendwie hat er Recht. Denn alles was damit irgendwie erreicht wird ist doch, dass sich alle am nächsten Tag selbst auf die Schulter klopfen können, toll haben wir die Frauen gelobt, toll haben wir uns für ihre Rechte eingesetzt, alles super gestern, jetzt können wir ja doch wieder wie gewohnt weitermachen, mit unseren 364 übriggebliebenen Weltmännertagen.

Versteht das nicht falsch, es ist wichtig, auf Missstände aufmerksam zu machen, denn die gibt es nur zuhauf, und gleichzeitig vielleicht endlich mal zu feiern, was bisher schon alles erreicht wurde. Aber es ist eben nicht genug, das nur ein einziges Mal im Jahr zum großen Thema zu machen. Es nutzt den Frauen der Welt auch überhaupt nichts, wenn wir Rabattaktionen in Kaufhäusern bekommen, oder sich eine Filiale für eine Woche zu “Rossfrau” umbenennen lässt. Was mal nützlich wäre, wäre eine Offenlegung, welches Geschlecht in welchen Positionen in welchen Unternehmen tatsächlich wie viel verdient. Denn wir sind uns ja alle einig, dass der GPG ungerecht ist/wäre – uneinig sind wir uns aber allein schon in der Frage nach seiner Existenz. Gut wäre auch mal, wenn man Mädchen in der Schule in Mathe nicht nur dann ermutigt, wenn Weltfrauentag ist, und dann zwei Wochen später wieder mit dem gleichen sexistischen Müll weitermacht, der davor kam.

Der Weltfrauentag wirkt für mich wie ein Mittel zur Beruhigung des Gewissens unserer Gesellschaft, denn ja, toll haben wir die Frauen gestern behandelt, können uns allen mal auf die Schulter klopfen und jetzt können wir ja bitte so weitermachen wie bisher, oder?