Ein Appell.

“Wir sind das Volk” – Ein Satz, den man in letzter Zeit oft liest und hört, sei es in den Zeitungen, in Videos oder in Diskussionen mit Menschen verschiedenster Ansichten. Sie sind sich alle einig, sie sind das Volk, sie sind die Mehrheit und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt.

Ich bin anderer Meinung (Große Überraschung, ich weiß.)
Aber so ist es nun mal in einer Demokratie, Menschen verschiedenster Ansichten müssen sich irgendwie einigen, diskutieren und sich miteinander austauschen.
Diese Diskussionen sind nicht immer sinnvoll und meistens kosten sie viel Zeit und Energie, Dinge, die viele Menschen in dieser Zeit nicht wirklich haben. Trotzdem ist es wichtig, sich einzusetzen, nicht einfach zu schweigen, weil es bequemer ist, weil man sich keine Feinde machen oder es sich mit dem Kollegen / Freund / Bekannten nicht verscherzen möchte. Aber wir können nicht mehr einfach still sitzen bleiben, während europäische Werte durch rechte Parolen mit Füßen getreten werden und unsere Gesellschaft, unsere Sprache mehr und mehr verroht und menschenverachtende Aussagen wieder salonfähig gemacht werden.

Es ist Zeit, aufzustehen. Sich einzusetzen für die Werte, die uns, die Deutschland und Europa ausmachen. Mitmenschlichkeit, Solidarität und unsere Fähigkeit, Kompromisse zu finden. Es ist Zeit, die Straßen nicht länger denen zu überlassen, die schreien “Wir sind das Volk”, denn das sind sie nicht.
Deutschland ist bunt, laut, vielfältig und nicht immer einer Meinung.

Wir nicht zulassen, dass eine Minderheit sich benimmt, als wäre sie die Mehrheit, dass eine kleine Gruppe von Menschen die gesellschaftliche Debatte bestimmt und alles anzweifelt, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Es ist Zeit, aufzustehen.

Wie diskutiert man eigentlich über grundlegende Dinge wie die Menschenrechte?

Wer sind wir, was ist unsere kulturelle Identität? Wer sind wir Deutschen als Kulturnation? Aktuelle Fragen, die sich Thomas Mann schon damals in seinem sechshundert Seiten langem Essay “Betrachtungen eines Unpolitischen” stellte.

Vor allem jetzt hält die Frage nach unserer Kultur in allen Bereichen unseres Lebens Einzug. Vor allem beim Thema Immigration sind sich plötzlich alle einig: Unsere Deutsche Kultur muss erhalten werden und die, die hierher kommen, haben sich gefälligst anzupassen. Alles irgendwo okay, natürlich muss man die Kultur seines Gastlandes respektieren, aber trotzdem stellt sich mir immer die Frage, was unsere deutsche Kultur denn nun überhaupt ist.

Es ist unsere Sprache, mit Sicherheit, es sind aber (meiner Meinung nach) genauso unsere Wert- und Moralvorstellungen, die wir vor allem seit der Epoche der Aufklärung entwickelt haben. Unser Land hat eine christliche Vergangenheit, der Großteil der deutschen Bevölkerung ist auch heute noch Mitglied in einer Kirche, auch wenn der Glaube in den Leben der meisten Deutschen nur noch eine sehr kleine Rolle spielt. Trotzdem werden Parteien wie die AfD oder die CSU nicht müde zu betonen, dass das Christentum zur “Leitkultur” gehöre, seit neuestem hängen deswegen auch in allen bayerischen Behörden Kreuze. Dass ich, und mit mir eine ganze Menge anderer Atheisten, mich als Deutsche damit so überhaupt nicht identifizieren kann, ist anscheinend egal.

Ich war nie wirklich “stolz” darauf, Deutsche zu sein, schließlich ist das nichts, wofür ich arbeiten musste, nicht etwas, das ich selbst erreichen musste. Mittlerweile bin ich aber sehr wohl stolz darauf, welche Werte die meisten Menschen in Deutschland vertreten, und welche großartige Leistung wir im Jahr 2015 während der Flüchtlingskrise vollbracht haben. Ein Beispiel dafür sind die Münchner, die Flüchtlinge am Bahnhof willkommen geheißen haben und die unzähligen ehrenamtlichen HelferInnen. Weil Deutschland bunt ist, voller Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Ich war so stolz darauf, was unsere Bevölkerung geleistet hat, wie wir damit umgegangen sind, trotz all der Probleme, die sich aufgetan haben und an deren Lösung wir noch immer arbeiten. Ich bin noch immer stolz auf die Akzeptanz und Toleranz unserer Gesellschaft, während sich in mir gleichzeitig eine tiefe Fassungslosigkeit gegenüber dem, was sich mit der AfD in unserer Bevölkerung breit gemacht hat, ausgebreitet hat.

Fremdenfeindlichkeit und Begriffe wie die einer “Deutschen Rasse” sowie die absurde Behauptung eines “Deutschen Genozides” sind plötzlich in der Bevölkerung akzeptiert, Begriffe wie “Asyltourismus” oder “Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner” sind dabei, wieder salonfähig zu werden. Die Relativierung des Holocausts ist plötzlich auch kein großer Schock mehr, zu abgestumpft sind wir mittlerweile der rechtsradikalen Rhetorik gegenüber.

Als politischer Mensch ist es fast nicht auszuhalten, die Forderungen der CSU zu verfolgen und zu bemerken, was sich dabei unmittelbar in den Köpfen der Bevölkerung verändert. Denn das Gerede der PolitikerInnen löst in den Menschen den “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen”-Reflex und das Gefühl der Rechtfertigung rechten Gedankenguts aus. Auf einmal kann man wieder von “Biodeutschen” reden und während der Großteil der Bevölkerung deswegen vor Verzweiflung gegen eine Wand rennen möchte, bekommt der/die dementsprechende KommentarschreiberIn auch noch Unterstützung für seinen/ihren Mut. Selbsternannte PatriotInnen kämpfen gegen die “Islamisierung des Abendlandes”, während rassistische und menschenverachtende Rhetorik immer akzeptierter wird.

Die Lehre einer “Weißen Rasse” und dem “Weißen Genozid” wird unkommentiert verbreitet und als normaler Mensch weiß man in solchen Diskussionen meist einfach nicht mehr, was man sagen soll.

Denn wie diskutiert man über so grundlegende Dinge wie die Frage, ob man einem Teil der Menschheit die Menschenwürde und ihr Recht auf Leben nicht einfach aberkennen könne? Denn das ist die unweigerliche Folge davon, Flüchtlinge abzuweisen oder sie in ihre Heimatländer wie beispielsweise Afghanistan zurückzubringen. Afghanistan ist kein sicheres Land und es ist unmenschlich, jemanden dorthin abzuschieben.

Um auf unsere deutsche Kultur zurückzukommen: In unserer Vergangenheit findet man viele bedeutende KünstlerInnen, Goethe und Schiller sind hier nur zwei der bekanntesten, aber auch bedeutende WissenschaftlerInnen wie Einstein oder in der aktuelleren Geschichte Christiane Nüsslein-Volhard (Nobelpreisträgerin). Diese Vergangenheit, die ein großer Teil unserer Kultur ist, kann uns auch heute niemand mehr wegnehmen. Viele Medien sprechen heutzutage von der Angst davor, unsere “Deutsche Kultur” zu verlieren und im Zuge davon wird gerne behauptet, Deutschland wäre innerhalb von 50 Jahren “minderheitlich deutsch”, wobei hier von “biologischen Deutschen” gesprochen wird. Abgesehen davon, dass diese Behauptung vollkommen unrealistisch ist und es keine “Deutsche Rasse” gibt, braucht Deutschland pro Jahr mindestens 267.000 bis zu einer halben Million Einwander jährlich um nicht zu Schrumpfen. Denn ein Rückgang der Bevölkerungszahl bei gleichzeitiger Erhörung der Lebensdauer könnte zu einem riesigen Problem führen.
Kultur ist immer im Wandel, sie bleibt nie gleich. Man muss sich nur die allgemeinen Wertvorstellungen vor und nach der Aufklärung ansehen, um zu verstehen, wie schnell sich manche Dinge ändern können – und das nicht unbedingt zum schlechteren.

Ist es denn gerechtfertigt, aus Angst vor Veränderung Menschen das Recht auf Leben, und zwar ein Leben ohne Angst, abzusprechen? Ist es denn in Ordnung, Menschen einen höheren Lebensstandard abzusprechen, weil sie leider auf der anderen Seite des Mittelmeeres geboren sind? Ist es okay, dabei zuzusehen, wie Menschen ertrinken, weil man sie nicht retten möchte? Ist es okay, einem Schiff, das Flüchtlinge gerettet hat und nur für 48 Stunden genügend Nahrung hat, zu untersagen anzulegen? Widerspricht das nicht genau unseren Wertvorstellungen und dem urchristlichen Wert der Nächstenliebe?

Wann sind wir eigentlich an dem Punkt angekommen, an dem es okay ist, Menschenrechte zu missachten und zur Diskussion und damit gleichzeitig zur Disposition zu stellen?

 

 

Alles bleibt so, wie es ist.

Sie haben die Macht zu verletzen, zu heilen, zu töten. Worte sind die mächtigsten Waffen und die erfolgreichsten Heilmittel zugleich auch wenn sie zu selben Zeit so unfassbar bedeutungslos sein können, wie ein Tropfen Wasser in der Hitze der gesellschaftlichen Debatte.

So auch die Reden unsere Politiker, Worte gebadet in Gold, und doch am Ende des Tages nichts wert. Ein Goldstück entpuppt sich plötzlich als wertlose Karnevalsattrappe, das Gold nur eine billige Hülle, die die nicht einmal gute Schokolade darunter verbirgt.

Manchmal muss man sich als jugendlicher Mensch sehr anstrengen, um angesichts der Bedeutungslosigkeit unserer Stimmen nicht zu verzweifeln, um nicht aufzuhören, für seine Rechte zu kämpfen und um nicht einfach zu resignieren.

Wenn wir unseren Blick nach Amerika wenden, so sehen wir die Überlebenden von Parkland, die auch jetzt noch, Monate nach dem Massaker an ihrer Schule, für verschärfte Waffengesetze kämpfen, auch nach den weiteren Schießereien, die seither stattgefunden haben. Erst diese Woche veranstalteten sie ein „die in“ in einer Supermarktkette, welche Geld für den Wahlkampf eines Kandidaten gespendet hatte, welcher durch die NRA unterstützt wird. Eben jener Supermarkt hat nun angekündigt, politische Spenden bis auf weiteres auszusetzen und seine Spendenpolitik zu überdenken – Ein Sieg also, wenn auch ein relativ kleiner, denn bis jetzt hat sich die Debatte in Amerika kein Stück bewegt und die Regelungen zum Waffenverkauf wurden kein bisschen verschärft. Diese letzte Aktion der Aktivisten zeigt jedoch, dass ihre Stimme nicht immer einfach überhört wird, dass sich tatsächlich etwas verändern kann, wenn auch sehr langsam.

In unserem Land, auch wenn ich diese Formulierung recht ungern verwende, da ich mich nicht mit einem Land identifizieren kann und möchte, in dem rechte Parteien wie die AfD wieder so stark geworden sind, in einem Land in dem Vergewaltigungsopfer oft nicht ernst genommen werden, in dem ein bisschen Islamfeindlichkeit, Antisemitismus und Sexismus völlig normal und noch immer gesellschaftlich akzeptiert sind, verändert sich jedoch nichts. (Oder zumindest nicht zum Besseren.) Vorurteile und veraltete Mechanismen bleiben immer weiter bestehen, Feindlichkeiten (egal in welche Richtung) werden wieder salonfähig gemacht und als Aktivist ist man angesichts dieser ausbleibenden Veränderung oft kurz davor einfach aufzugeben.

Als politisch aktiver Mensch fühlt es sich so an, als würde man wieder und wieder gegen eine Wand rennen, gefestigt durch Jahrzehnte voller Vorurteile und Untätigkeit und nun verstärkt durch aggressive Rhetorik und dem angeblichen „Kampf gegen die politische Korrektheit, die einem den Mund verbieten will“. Anscheinend darf man ja jetzt „nichts mehr sagen“, weil alles ja gleich sexistisch oder rassistisch ist, obwohl du es ja „nicht so gemeint“ hast. Ich weiß zwar bis heute nicht, warum der Unterschied zwischen „flirten“ und „Übergriffigkeit“ nicht für alle Menschen klar erkenntlich ist, aber im Zweifelsfall hat ein „Ist das ok für dich?“ noch nie die Stimmung gekillt. So schwer ist das Ganze also nicht, Konsens heißt das Ganze übrigens, ist auch nicht wirklich ein neues Konzept und nein, schriftlich braucht man es auch nicht.
Ist es außerdem zu viel verlangt, rechte und andere politisch motivierte Straftaten konsequenter zu verfolgen und Opfer von Vergewaltigungen und Missbrauch ernst zu nehmen? Ist es zu viel verlangt, konsequenter gegen Schwulenfeindlichkeit, Sexismus und Diskriminierung vorzugehen und vor allem in der Jugend stärker aufzuklären? Ist es zu viel verlangt, dass der bayerische Staat seine absolute Neutralität in Religionsfragen beibehält?

All diese Forderungen sind nicht neu, nicht aus der Luft gegriffen und auf keinen Fall unmöglich zu erfüllen. Man müsste sich halt mal anstrengen, Politik für alle zu machen und nicht nur am rechten Rand auf Stimmenfang zu gehen, der die Parteien der „Mitte“ sowieso nicht wählen würde, egal wie viele Kreuze wir in Behörden hängen und welche Freiheitsrechte wir noch weiter beschränken.

Aber alles was wir bekommen sind leere Worte, aufgebläht, wohlklingend und so nichts sagend wie ein leeres Blatt Papier. Eines kann man jedoch auch aus den kunstvollsten Wortgebilden mit ihren Prä- und Suffixen immer noch herauslesen: Alles bleibt so, wie es ist.

 

Eine Stimme, die gehört werden will

Bis vor nicht allzu langer Zeit habe ich den Menschen aus meinem Leben nicht oft erzählt, dass ich einen Blog habe. Wenn Freunde Bescheid wussten, wussten sie auch, dass sie es nicht anderen Leuten weitererzählen sollten. Nicht unbedingt, weil ich mich dafür geschämt habe, eigentlich eher, weil ich keine Lust auf deren Reaktionen hatte. Und weil ich mich nicht mit ihnen auseinandersetzen wollte.

Als ich vor circa zwei Wochen mit einer Freundin über meinen Blog geredet habe, saß jemand anderes neben uns und fragte dann voller Verachtung: “Du hast einen Blog? Warum das denn?!” Die Frage hat mich, um ehrlich zu sein, ein wenig aus dem Konzept gebracht.

Meine spontane Antwort war: “Warum nicht?” aber auch das, war nicht unbedingt die richtige. Ich habe meinen Blog, weil ich möchte, dass meine Stimme gehört wird. Als ich begonnen habe zu bloggen, habe ich über Umweltschutz, Vegetarismus und Politik gebloggt, weil ich (zugegeben ziemlich naiv) der Meinung war, ich könnte die Welt verändern. Mittlerweile sehe ich das Ganze ein wenig realistischer, bin nun doch schon ein paar Jahre älter und möchte eigentlich nur noch Aufmerksamkeit auf (für mich) wichtige Themen lenken und meine Meinung dazu teilen. Warum das? Weil ich hoffe, damit einen Einfluss auf Menschen zu haben, und sei er auch noch so klein.

Gleichzeitig habe ich begonnen selbst zu schreiben, meist eher kürzere Texte aber fast alle dienen für mich dem Zweck, Dinge zu verarbeiten, die in meinem Leben und in den Leben der Menschen um mich herum geschehen. Ich bin sehr viel besser darin, über negative Dinge zu schreiben, deswegen kann man hier auch keine fröhlichen Texte lesen (zumindest bis jetzt), weil ich andere Menschen damit berühren möchte und es für mich eine Möglichkeit ist, mich auszudrücken.

Gleichzeitig versuche ich hier so ehrlich wie möglich zu sein, mein Leben nicht zu beschönigen aber auch nicht unnötig schlecht zu reden. Ich möchte wie eine normale Person rüberkommen, jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Durch meine Bisexualität habe ich auch eine eher selten vertretene Perspektive, und ich möchte, dass andere Kinder wie ich, so einen Blog finden können, und sich mit dem Menschen darauf identifizieren können. Ich möchte, dass sie wissen, dass nicht immer alles gut ist, dass es Hochs und Tiefs gibt, aber dass man auf jeden Fall durchkommt. Und dass es okay ist, sich Hilfe zu holen, dass man nicht perfekt sein muss und dass Stärke nicht dadurch definiert wird, dass man immer stark ist, sondern dadurch, dass man auch nach Rückschlägen wieder aufsteht und weitermacht.

Ich möchte, dass meine Stimme gehört wird und deswegen werde ich auch so lange ich es zeitlich irgendwie auf die Reihe bekomme weiter bloggen.
Schreiben ist eine meiner größten Leidenschaften und deswegen freue ich mich auch unglaublich über das überwältigende positive Feedback, das ich in der letzten Woche bekommen habe. Vielen vielen Dank, ihr seid die Besten und ich freue mich über jeden einzelnen Kommentar, jede Nachricht auf Instagram und auf WhatsApp. Ihr seid die Motivation, die ich manchmal brauche, um nicht einfach aufzugeben. Danke.

Weltfrauentag

Gestern war, wir wissen es alle (war auch kaum übersehbar) Weltfrauentag.

Rossmann hat sich für eine Woche lang in “Rossfrau” umbenannt, 10.000 Rabattaktionen überall, alle feiern Frauen und die Gleichberechtigung des modernen Zeitalters, die Schönheit, die Intelligenz von Frauen, ihre Stärke, Vielseitigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen. Politiker thematisieren plötzlich Gleichstellung und Gleichberechtigung, Konzerne und Geschäfte feiern uns plötzlich als ihre Kundinnen und in all dem Konfetti und den Luftballons und den Reden kommt auch schon der nächste Tag, an dem alle bequem wieder alles vergessen können, gestern war ja schließlich Weltfrauentag, da hat man ja genug getan.

Darf ich mich überhaupt so über diesen Tag aufregen? Eigentlich sollte er doch mein Geschlecht feiern und gleichzeitig dazu genutzt werden, auf bestehende Missstände hinzuweisen. Trotzdem fühle ich mich immer seltsam, wenn man plötzlich so viel darüber liest, wenn ich angesprochen werde, weil “es ist ja Frauentag heute, bedeutet dir das was?”

Die einfache und eigentlich auch naive Antwort wäre: “Nein, außerdem sind diese seltsamen Internationalen Tage der/s ….. auch eigentlich allen egal.” Wenn ich weiter darüber nachdenke ist die Aussage, dass die meisten Menschen sich nicht für so etwas interessieren zwar richtig, aber gleichzeitig denke ich daran, was andere Menschen wohl denken, wenn sie hören, dass heute Weltfrauentag ist. Einer meiner Lehrer kommentierte das mit “Ja mei, lassen wir ihnen doch den einen Tag” und irgendwie hat er Recht. Denn alles was damit irgendwie erreicht wird ist doch, dass sich alle am nächsten Tag selbst auf die Schulter klopfen können, toll haben wir die Frauen gelobt, toll haben wir uns für ihre Rechte eingesetzt, alles super gestern, jetzt können wir ja doch wieder wie gewohnt weitermachen, mit unseren 364 übriggebliebenen Weltmännertagen.

Versteht das nicht falsch, es ist wichtig, auf Missstände aufmerksam zu machen, denn die gibt es nur zuhauf, und gleichzeitig vielleicht endlich mal zu feiern, was bisher schon alles erreicht wurde. Aber es ist eben nicht genug, das nur ein einziges Mal im Jahr zum großen Thema zu machen. Es nutzt den Frauen der Welt auch überhaupt nichts, wenn wir Rabattaktionen in Kaufhäusern bekommen, oder sich eine Filiale für eine Woche zu “Rossfrau” umbenennen lässt. Was mal nützlich wäre, wäre eine Offenlegung, welches Geschlecht in welchen Positionen in welchen Unternehmen tatsächlich wie viel verdient. Denn wir sind uns ja alle einig, dass der GPG ungerecht ist/wäre – uneinig sind wir uns aber allein schon in der Frage nach seiner Existenz. Gut wäre auch mal, wenn man Mädchen in der Schule in Mathe nicht nur dann ermutigt, wenn Weltfrauentag ist, und dann zwei Wochen später wieder mit dem gleichen sexistischen Müll weitermacht, der davor kam.

Der Weltfrauentag wirkt für mich wie ein Mittel zur Beruhigung des Gewissens unserer Gesellschaft, denn ja, toll haben wir die Frauen gestern behandelt, können uns allen mal auf die Schulter klopfen und jetzt können wir ja bitte so weitermachen wie bisher, oder?

“voll schwul.”

“Fuuuck, das sieht so schwul aus” sagst du, während ich innerlich zusammenzucke.
Ich überlege, ob ich etwas sagen soll, ob ich dich darauf ansprechen soll, ob ich riskieren soll, als übersensibel rüberzukommen.

Was macht es mit Leuten aus der LGBTQ-Community, wenn andere ihre sexuelle Orientierung als Schimpfwort verwenden? Nun, die einfache Antwort ist: Zunächst einmal nicht viel. Zumindest nicht mit mir. Aber ich bin auch nicht alle, und viele von uns wachsen immer noch in einem Umfeld auf, in dem es nicht akzeptiert ist, nicht hetero zu sein. Ich weiß, viele sagen, man solle sich solche Ausdrücke nicht so zu Herzen nehmen, sie meinen es ja nicht so, “Schwuchtel” ist genauso ein Wort wie Hurensohn, es hat angeblich nichts mehr mit der Ursprungsbedeutung zu tun.
Kann sein, dass das für euch, für dich so ist. Aber wenn du beinahe täglich mitbekommst, dass Menschen dich dafür ablehnen, wer du bist, wen du liebst, dann verletzt dich das. Und jedes Mal, wenn du jemanden hörst, wie er deine sexuelle Orientierung als ein negatives Wort benutzt ist das ein weiterer Hieb in dein weiter und weiter schrumpfendes Selbstbewusstsein.

Für viele von euch ist das vielleicht nicht so ganz nachvollziehbar, denn ihr habt noch nie irgendwelche Probleme für eure Sexualität bekommen (ich gehe jetzt einmal von einer heterosexuellen Person aus). Ich persönlich bin auch nicht schwul, ich bin bi, und habe auch schon häufig Ablehnung deswegen erfahren. Trotzdem ist mir das eigentlich komplett egal, denn ich bin wer ich bin, ich weiß dass ich okay bin, wie ich bin. Ich bin in einem gutem Umfeld aufgewachsen, ich wusste immer, dass Homosexualität okay ist, dass Liebe einfach Liebe ist.

Warum es mich trotzdem stört?

Denkt mal an die Menschen, die euch auch hören können, die sich vielleicht noch nicht so ganz sicher sind, was das überhaupt ist, die vielleicht auch noch nicht ganz wissen, welche sexuelle Orientierung sie haben. Das einzige, was sie immer und immer wieder mitbekommen ist, dass es etwas schlechtes ist.

Paragraph 175 – auch der Schwulenparagraph genannt – existierte von 1872 bis 1994 und stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Die Nationalsozialisten verschärften ihn im Jahr 1935 durch Anhebung der Höchststrafe von 6 Monaten auf 5 Jahre während gleichzeitig der Tatbestand auf sämtliche “unzüchtige Handlungen” ausgeweitet wurde. 1969 und 1973 wurde der §175 zweimal reformiert, seitdem waren nur noch sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar. 1994 wurde der Paragraph ersatzlos gestrichen.

Ganz abgesehen davon nimmt man nicht die Eigenschaft einer Minderheit, um damit “normale” Menschen & Dinge zu beschimpfen, denn damit wertet man diese Minderheit automatisch immer mit herab. Es ist mir dabei ziemlich egal, ob “Schwuchtel” für dich “nur so ist wie Hurensohn, ist nix gegen Schwule” denn deine heterosexuelle Perspektive interessiert mich tatsächlich eher wenig. Bis 1994 gab es bei uns den “Schwulenparagraph”, bis letztes Jahr durften Homosexuelle in Deutschland nicht einmal heiraten, Bermuda hat die Ehe für alle wieder rückgängig gemacht, in Russland darf man seine Liebe nicht öffentlich zeigen, in 70 Staaten gibt es Gesetze gegen Homosexualität, in 7 Staaten kann ich für meine sexuelle Orientierung hingerichtet werden.

Entschuldige, wenn ich es nicht lustig finde oder es nicht “nicht so ernst nehmen” kann.

Und wenn ich euch darauf anspreche? Dann sagt ihr mir, ich soll es nicht so ernst nehmen, ihr fragt, warum ich meine Sexualität immer zum Thema machen muss. Vielleicht liegt es daran, dass ihr sie dazu verwendet, andere zu beleidigen.

Schwul zu sein ist komplett normal. Stimmt. Warum verwendet ihr dann eine ganz normale Sache, um euch zu beleidigen?

“Aber du bist doch ein Mädchen!”

– Ihr habt ja keine Ahnung, wie traurig, wütend und enttäuscht mich dieser Satz macht.

Ein Satz, so viele Variationen, so viel Macht, so viel Bedeutung.

Es muss nicht einmal als Beleidigung gemeint sein, es ist ja eigentlich “nur eine Feststellung.” Ja. Stimmt. Ich bin ein Mädchen. Und was jetzt?

“Also deinem zukünftigen Mann wird es ja nicht gefallen, wenn du dich besser mit Technik auskennst, als er.” – Zu mir vor einem halben Jahr gesagt, weil ich ins Repair Café gegangen bin, um ein bisschen was über Hardware zu lernen, weil ich davon absolut keine Ahnung habe, aber nicht immer meinen Vater fragen will.

Ich will etwas lernen, und was bekomme ich für eine Reaktion? “Deinem zukünftigen Mann wird das ja nicht gefallen” Super. Ich soll also aus Rücksicht auf das eventuell fragile Selbstwertgefühl meines future husband’s darauf verzichten, etwas zu lernen. Weil es ja anscheinend schlimm für einen Mann ist, wenn (s)eine Frau etwas besser kann, als er selbst.

“Aber was hast du denn mit deinen Haaren gemacht? Aber du bist doch ein Mädchen!” – Zu mir gesagt, nachdem ich meine Haare auf ungefähr 6mm geschnitten hatte. Weil Mädchen ja lange Haare haben müssen.

“Aber den Jungs gefällt das dann ja nicht. Du bist ja ein Mädchen.” – Zu mir gesagt, als ich erzählt habe, meine Haare kurz schneiden zu wollen. Weil ich mein Aussehen davon abhängig machen müsste, was Jungs gefällt.

“Also, die Mädchen interessiert das ja jetzt eher weniger […]” – Ein Chemielehrer zu unserer Klasse, bevor er uns von der Katastrophe in Tschernobyl erzählte und uns das ganze auf chemischer Ebene erklärte. Weil Mädchen sich ja nicht für Naturwissenschaften interessieren könnten.

“Also wenn du dich so anziehst brauchst du dich nicht wundern, wenn die Jungs sich nicht unter Kontrolle haben. Du bist doch ein normales Mädchen und keine Schlampe.” Weil ich für meine eventuelle Belästigung oder sogar Vergewaltigung anscheinend selbst verantwortlich wäre.

“Du kommst um 11 heim oder um 12, wenn dich jemand nach Hause begleitet.” – Meine Mutter, weil man als Mädchen anscheinend immer Gefahr läuft, vergewaltigt zu werden. Versteht das nicht falsch, ich kann meine Mutter verstehen, sie ist auch nicht konservativ oder so, sie will nur nicht, dass mir etwas passiert. Ich finde es nur traurig, dass sie mir sowas überhaupt sagen muss.

“Du bist echt stark – für ein Mädchen.” – nachdem ich einen Jungen im Armdrücken besiegt habe. Weil Mädchen ja immer schwach sein müssten.

“Du wirfst / läufst / schlägst wie ein Mädchen!” – Weil Mädchen ja immer in allem schlechter wären als Jungs.

Stimmt.
Ich bin ein Mädchen.
Heißt das, dass ich irgendetwas nicht tun kann?
Heißt das, dass ich Männern in irgendeiner Weise (außer vielleicht körperlich) unterlegen bin?
Heißt das, dass ich Naturwissenschaften nicht kann, und unbedingt etwas mit Sprachen studieren will?
Heißt das, dass ich Männern gefallen muss?

Es ist an der Zeit, sich wieder über Politik aufzuregen.

Nein, dieses Mal nicht über die CDU, sondern (wie sollte es auch anders sein) über die AfD.

Ich bin wütend. Angewidert. Traurig.

Die AfD ist gegen den Islam, auch weil sie die “deutschen Frauen beschützen” wollen. Ihr erinnert euch doch sicher an dieses AfD-Plakat:

https://i0.web.de/image/220/32458220,pd=2,f=content-xxl/wahlplakat-afd.jpg

Über dieses Plakat lässt sich streiten, ob es sexistisch oder beleidigend ist, oder sogar gegen geltende Gesetze verstößt. Ich persönlich finde es geschmacklos und sexistisch.  Yaay, sexualisierte Werbung, “heiße deutsche Frauen” gegen den bösen bösen Islam ist so bisschen die Message die ich hier rüberkommt. Die Gleichstellungsbeauftragte wollte dieses Plakat nun verbieten lassen, da es “sexistisch und fremdenfeindlich” sowie “eine Respektlosigkeit der muslimischen Kultur” gegenüber sei. Auch darüber lässt sich streiten. Das ist auch gar nicht der Punkt, der mich aufregt.

Das, was mich aufregt, ist die Art und Weise, wie über dieses Plakat und das geforderte Verbot diskutiert wird. Denn da lesen sich dann Kommentare wie “Die Gute Frau Thiel ist nur neidisch, dass sie keinen solchen Bikinibody hat” oder ähnliches.
Hier eine Auswahl:

Wann wurde es salonfähig, mit der Figur einer Politikerin ihre Argumente und Meinungen zu widerlegen? Seit wann ist es okay, jemanden nur wegen seines vielleicht nicht so perfekten Bikinibodys lächerlich zu machen und seine Anliegen zu ignorieren?

Die AfD und ihre Anhänger tun das aber ständig. Aber gleichzeitig sind sie Möchtegern-Feministen und wollen das “Recht jeder Frau, sich so zu kleiden wie sie will” verteidigen. Aber nur den bösen, bösen Muslimen gegenüber. Wenn es nicht darum geht, wird sofort jede Möglichkeit genutzt, um sexistische Kommentare von sich zu geben.

Ich denke, das nennt sich Doppelmoral.

Well done.